G7 sagen Russland auch wegen „Korn-Kriegs“ Kampf an

Blinken zu Gast in Berlin © APA/AFP/POOL/BERND VON JUTRCZENKA

Die sieben reichsten demokratischen Staaten sagen Russland auch wegen der weltweit eskalierenden Hunger-Krise den Kampf an. „Wir lassen nicht zu, dass der russische Angriffskrieg die Welt in Hunger stürzt“, sagte die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) am Freitag nach Beratungen der G7-Ressortchefs in Berlin. US-Außenminister Antony Blinken verwies darauf, dass wegen des von Russland verursachten Krieges heuer 40 Mio. zusätzliche Menschen an Hunger litten.

Baerbock und Blinken äußerten sich auch anlässlich einer internationalen Konferenz zur Nahrungsmittelsicherheit in der deutschen Hauptstadt, an der mehr als 50 Delegationen teilnahmen. Organisiert wurde die Konferenz vom Außen-, dem Agrar- und dem Entwicklungshilfeministerium.

Auch der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz gibt Russland die Schuld an der eskalierenden Nahrungsmittelkrise. „Für diese Zuspitzung trägt Russland die Verantwortung, und Russland ganz allein“, sagt Scholz in einem Grußwort an die Konferenz in Berlin. Mit Blick auf das am Sonntag beginnende Treffen der G7-Staats- und Regierungschefs in Elmau fügt Scholz hinzu: „Vom Gipfel wird eine klare Botschaft an die von Hunger bedrohten Menschen weltweit ausgehen. Wir sorgen dafür, dass Euer Leben nicht zum Spielball zynischer Machtinteressen wird.“

Laut Baerbock leiden derzeit weltweit 345 Millionen Menschen akut an der Knappheit von Nahrungsmitteln. Dies sei eine Lage, „die sich wie eine lebensbedrohliche Welle vor uns auftürmt“, sagte sie bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) und Entwicklungshilfe-Ministerin Svenja Schulze (SPD). Der russische Angriffskrieg habe nun „aus einer Welle einen Tsunami gemacht“, sagte Baerbock. Russland führe nicht nur Krieg gegen die Ukraine, sondern auch einen „zynischen Korn-Krieg“. Erforderlich sei eine Nothilfe im Volumen von 44 Milliarden Euro, von denen allenfalls die Hälfte finanziert sei.

Özdemir forderte vom anstehenden G7-Gipfel ein „kraftvolles Signal“ zur globalen Sicherung von Nahrungsmitteln. Es gehe darum, einen einheitlichen Ansatz für die Ernährungssicherheit zu finden in Zusammenhang mit Klima- und Artenschutz. Die Ergebnisse der Berliner Konferenz müssten „nach Elmau weitergetragen werden“. In dem bayerischen Ort kommen die G7-Staats- und Regierungschefs am Sonntag zu einem dreitägigen Gipfel unter deutscher Präsidentschaft zusammen, darunter auch US-Präsident Joe Biden. In Berlin berieten am Vormittag die sieben Außenminister. Schulze sagte, Ziel müsse es sein, die Abhängigkeit von Russland auch bei Nahrungsmitteln zu beenden.

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Wegen Klimawandels und Kriegen leiden viele Regionen ohnehin an Hunger, der Krieg in der Ukraine hat die Lage verschärft. Unter den Teilnehmern der Berliner Konferenz befanden sich auch die Agrarminister Nigerias, Tansanias und der Ukraine. Laut Baerbock nahm auch ein Vertreter der Türkei teil, die derzeit zwischen Russland und der Ukraine wegen blockierter Häfen vermittelt. Die chinesische Regierung sei angefragt worden, es nehme aber niemand aus Peking teil.

Derzeit kann die Ukraine – einer der weltgrößten Produzenten von Getreide – kaum Waren exportieren, weil die Häfen des Landes von russischen Kriegsschiffen blockiert werden. Mehrere Millionen Tonnen Getreide liegen daher in Lagern. Hauptabnehmer sind normalerweise Staaten im Nahen Osten und Nordafrika. Dort wird die ohnehin grassierende Nahrungsmittelknappheit dadurch weiter verschärft. Die russische Erzählweise, die westlichen Sanktionen seien die Ursache der Krise, sei „fake news“, sagte Baerbock. Die Regierung in Moskau trage allein die Verantwortung dafür. Sanktionen auf russische Getreideexporte gebe es im übrigen nicht.

Die Bundesregierung unterstütze die Bemühungen der Türkei, einen Weg zur Freigabe der Häfen zu finden, sagte die Ministerin. Russlands Forderung, dass die Ukraine die Häfen zunächst entminen müsse, wies sie zurück. Es sei ein „perfides Spiel“, der Ukraine die Schuld in die Schuhe schieben zu wollen. Zuerst müsse Russlands Flotte vor den Häfen abziehen. Baerbock und Özdemir betonten, es müssten langfristige Alternativen für den Export ukrainischen Getreides gefunden werden.

Eine Möglichkeit sei der Landweg über Rumänien und die Binnenschifffahrt über die Donau, sagte Baerbock. Entlang dieser Route gebe es bereits Transporte. Sie hoffe darauf, dass schon im Juli wieder täglich Getreide aus der Ukraine exportiert werden könne. Laut Özedmir führte die Ukraine vor dem Krieg fünf Millionen Tonnen Getreide im Monat aus. Derzeit liege man immerhin schon wieder bei 1,7 Millionen Tonnen. „Es geht um Millionen Tonnen, und jede Tonne zählt“, sagte Baerbock. In Simbabwe etwa habe ein Brot vor dem Ukraine-Krieg ein Dollar gekostet, derzeit liege der Preis schon bei 1,40 Dollar.

Das Thema globale Nahrungsmittelsicherheit ist auch Gegenstand bei dem Treffen der sieben führenden demokratischen Industriestaaten in Elmau. Zu G7-Gruppe gehören neben Deutschland die USA, Kanada, Großbritannien, Frankreich, Italien und Japan.

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