“Ganymed in Love” im KHM

Über die vergangenen zehn Jahre hinweg hat sich das einstige Innovationsformat “Ganymed” zu einer lieb gewonnenen Tradition im Kunsthistorischen Museum (KHM) entwickelt. Zum bereits sechsten Mal hat sich Mittwochabend der Wiener Kunsttempel in einen theatralen Raum verwandelt, in dem Kunstschaffende unter Ägide von Jacqueline Kornmüller über und zu Gemälden kleine Stücke assoziieren.

Viele Aspekte des Formats haben sich über die Zeit hinweg zum eingespielten Fixpunkt entwickelt – beginnend beim brechend vollen Foyer zu Beginn mit allen Akteuren, von dem aus sich die Besucher in die Hallen der Gemäldegalerie ergießen. Anfangs staut es sich noch an den ersten Stationen, bevor die Ströme sich mäandernd in die labyrinthischen Eingeweide des gigantischen Kunstorganismus ergießen.

Es ist die Kunst des Flanierens, des episodischen Wahrnehmens, die hier kultiviert wird. “Ganymed” lenkt den Fokus auf Bilder, an denen man ansonsten großteils achtlos vorüberzieht. Kleine Stolpersteine der Aufmerksamkeit, Wegmarken im überbreiten Strom der Werke im KHM werden hier gesetzt.

Manche Künstler assoziieren frei über ein Bild, mal ist eine der Figuren des Gemäldes Protagonist des Dramoletts, bisweilen ist der Zusammenhang mit dem Ausgangswerk nur schwer auszumachen. Oftmals ist der neue Blick auf ein Bild erhellend oder überraschend, bisweilen bleibt er auch kryptisch.

Wann hätte man je vornehmlich auf die Hände in Caravaggios “Rosenkranzmadonna” geachtet, bevor Christian Nickel, flankiert von vier Gebärdendolmetschern, einen Text des belgischen Erfolgsautors Jean-Philippe Toussaint dazu sinnierte? Wann hätte man je die Gedanken so zur Mutterliebe versus Selbstliebe schweifen lassen, bevor Rania Ali nicht mit Erdbeeren vor und Tizians “Kirschenmadonna” hinter sich ihr eigenes Essay rezitierte? Und wann wäre einem je solch eine herzrührende Lebensgeschichte zu Gerard Dous “Alte Frau am Fenster” wie Milena Michiko Flasar eingefallen?

So wälzt sich eine großteils eingeschworene Gemeinde durch die nächtlichen Hallen. Stets sofort zu erkennen sind dabei die Anfänger im “Ganymed”-Reigen, die für den Abend auf klappernde Stöckelschuhe gesetzt haben und sich angesichts der Holzböden des Hauses alsbald dafür selbst in den Allerwertesten beißen könnten.

Das ist letztlich ebenso Teil des eingeübten Rituals wie die gezielt gesetzten Goldschuhe mancher Performer als Roter Faden oder die oftmals unklare Frage, wann das gezeigte Textrezitativ denn nun tatsächlich zu Ende ist, möchte man doch nicht in eine laufende Performance hinein klatschen. Schließlich gehört zu “Ganymed” der Umstand, dass die Zuschauer immer auch ein wenig Teilnehmer sind. Die ungewohnte Nähe zum Akteur ist Teil des Formats, lockt im Spannungsfeld zwischen Scheu und Lust, auf Tuchfühlung mit dem Künstler zu gehen.

Dazu gibt es noch bis Mitte Juni zahlreiche Gelegenheiten – darunter am 25. April eine Benefizvorstellung für die Caritas in der Dependance Carla (wo allerdings Kopien die Originale ersetzen werden). Wie in vielen Beziehungen fliegen nach zehn Jahren auch zwischen “Ganymed” und KHM vielleicht nicht mehr die Funken – ungeachtet des heuer ausgerufenen Liebesmottos, dessen Bezug in vielen Beiträgen allerdings unergründlich blieb. Aber es hat sich ein lieb gewonnenes Vertrauensverhältnis entwickelt, das man nicht missen möchte. Nun bleibt abzuwarten, ob der designierte KHM-Chef Eike Schmidt das ähnlich sieht und “Ganymed” auch in der Zukunft Bestand hat.