Ganz abseits des Mainstream

Letzte Burgtheater-Premieren mit Wittgenstein und Maeterlinck

Unermüdlicher Kommentator und Erzähler, aber den „Wittgenstein“ konnte er nicht retten: Philipp Hauß
Unermüdlicher Kommentator und Erzähler, aber den „Wittgenstein“ konnte er nicht retten: Philipp Hauß © Marcella Ruiz Cruz

Hat das Burgtheater mit seinen zahlreichen Post-Covid-Premieren (wegen der Renovierung des Haupthauses alle im Akademietheater) zuletzt Stücke in „anspruchsvollen“, jedenfalls alternativen Inszenierungen gebracht, so standen am Ende der Spielzeit zwei extrem schwierige Werke, ganz abseits des Mainstream-Theaters.

Eines künstlich hergestellt, eines tief in die unbekannten Welten der Theaterliteratur tauchend, machen es beide nicht leicht, die Intentionen ihrer Interpreten zu entschlüsseln. Oder sich gar davon überzeugen zu lassen.

Das englisch-irische Autoren-/Regie-Duo Ben Kidd & Bush Moukarzel, Künstlername „Dead Centre“, hat am Burgtheater schon einen Freud-Abend gestaltet, wo man sich zumindest an der Biografie des großen Mannes „anhalten“ konnte. Als sie nun einen Abend zu Ludwig Wittgenstein ankündigten, herrschte Skepsis, die sich als hoch berechtigt erwies.

„Alles, was der Fall ist“, lautet der Titel, der halbierte Satz, mit dem Wittgensteins berühmtestes Werk „Tractatus logico-philosophicus“ anhebt. Viele sind daran gescheitert, dieses zu erklären. Es hingegen auf die Bühne zu bringen, um dann eigentlich einen Fall tragischer österreichischer Terror-Geschichte zu erzählen – das war so abstrus, wie es nur sein kann.

Denn an die Tat jenes Bosniers, der im Jahre 2015 in Graz mitten in eine Menge hinein brutal Amok fuhr, drei Menschen tötete, viele verletzte, lassen sich kaum „philosophische“ Überlegungen knüpfen, wenn die Autoren, als Video-getränktes Theater auf dem Theater-Spiel, nun versuchen, der Tat nachzugehen. Ein bisschen „Macbeth“ hineingewürzt (Shakespeare hat sich hier schließlich mit dem „absolut Bösen“ befasst), im übrigen Ursachenforschung (kann man „böse“ werden, wenn man als Kind aus Bosnien fliehen musste und immerhin mit den Eltern in Österreich aufgenommen wurde?) — eine verwirrende Geschichte ohne Hand und Fuß, die auch der persönlichkeitsstarke Philipp Hauß als unermüdlicher Kommentator und Erzähler nicht retten konnte. Wo Wittgenstein an diesem Abend geblieben ist? Höchstens als Behauptung.

Maeterlinck, freigeistig

Interessantes mochte man erhoffen, als das Burgtheater „Pelléas und Mélisande“ ansetzte, 1892 von dem Belgier Maurice Maeterlinck verfasst, ein Schlüsselwerk des Symbolismus. Ein Werk, das faktisch niemand kennt, weil ausschließlich seine geniale Opernfassung durch Claude Debussy auf den Spielplänen steht. Allerdings hat man leider in der Regie des Amerikaners Daniel Kramer die Bühnenversion auch nicht kennen gelernt, denn er hat — in bewährter Weise — aus der Vorlage, von der kaum etwas übrig geblieben ist, einfach das gemacht, was ihm einfiel.

Weil Melisande, das rätselhafte Geschöpf aus dem Walde, das auf eine Burg gebracht und in der erstickenden Gesellschaft alter Leute eingeschlossen wird, lange goldene Haare hat, fällt dem Regisseur natürlich eine Barbiepuppe ein. Darum reichert er das Geschehen, das bei ihm wie ein hässlicher Horrorfilm aussieht, mit Szenen aus dem US-Show-Biz an. Was bleibt von der Liebe von Pelleas zu seiner Schwägerin Melisande (zumal Felix Rech und Sophie von Kessel für ihre Rollen viel zu alt sind)? Rein gar nichts. Dafür liegt dem Regisseur die Gender-Problematik am Herzen und er erfindet sie an der Person des Knaben Yniold (Maresi Riegner) hinzu, der unbedingt ein Mädchen sein will — und sich am Ende frontal zum Publikum einen riesigen Hodensack abschneidet.

So kann man dem Burgtheater konzedieren, quantitativ sehr fleißig gewesen zu sein. Qualitativ sieht es nicht ganz so überzeugend aus. Aber immerhin rechtfertigt Regisseur Daniel Kramer sein Vorgehen so: Das Theater sei „ein offenes Feld von Möglichkeiten“. Aber es ist das Publikum, das entscheidet, ob es die gewählten Möglichkeiten einsichtig findet und akzeptiert.

Von Renate Wagner

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