IHS: „Gas sparen, wo immer es geht“

Ohne Gas schaut die Wirtschaft in die Röhre © APA/dpa-Zentralbild/Stefan Sauer

Das größte Risiko für Österreichs Wirtschaft geht derzeit vom Ukraine-Krieg und einem möglichen Totalausfall der russischen Gaslieferungen aus, sagen die Wirtschaftsforscher des Instituts für Höhere Studien (IHS). Österreich müsste dann seinen Gasverbrauch um 27 Prozent reduzieren, was auch mit einem Produktionsrückgang verbunden wäre. Die Ökonomen empfehlen deshalb, dass der Staat Gas auf Vorrat einkauft.

Auch die hohe Inflation bremst den Aufholprozess der heimischen Wirtschaft nach der Corona-Krise. Das IHS erwartet für die Jahre 2022 bis 2026 ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent.

Allerdings gehe dieses vergleichsweise starke durchschnittliche Wirtschaftswachstum hauptsächlich auf das Jahr 2022 mit einem Wachstum von 3,8 Prozent zurück, „und das wird getrieben durch den Aufholprozess nach der Corona-Krise“, sagte IHS-Prognoseleiter Helmut Hofer am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Wien. Danach dürfte die Wirtschaft auf einen verhaltenen Wachstumskurs einschwenken, wobei für die Jahre 2023 bis 2026 Zuwächse von 1,4 Prozent, 1,3 Prozent, 1,1 Prozent und 1,2 Prozent erwartet werden. Damit sollte die Wirtschaftsleistung über den gesamten Prognosezeitraum betrachtet mit demselben Tempo wie im Euroraum zulegen, sagen die IHS-Ökonomen.

Die Teuerung wird vor allem von den Energiepreisen befeuert und klettert laut IHS-Berechnungen im Durchschnitt des laufenden Jahres auf 7,5 Prozent – der Preisdruck dürfte in den kommenden Monaten nur wenig nachlassen. Im kommenden Jahr sollten die Rohölpreise nicht mehr preistreibend wirken und auch die Lieferkettenprobleme dürften sich entspannen – dennoch dürfte die Inflationsrate unter anderem wegen steigender Lohnstückkosten mit voraussichtlich 4,75 Prozent hoch bleiben und erst in den folgenden Jahren bis 2026 auf 2,25 Prozent sinken. „Das bedeutet nicht, dass die Preise sinken, es bedeutet nur, dass die Preise weniger schnell steigen“, betonte Hofer.

Die Arbeitslosenquote dürfte im gesamten Prognosezeitraum 6,2 Prozent betragen. „Aus demografischen Gründen ist eigentlich nicht zu erwarten, dass die Arbeitslosenquote weiter fallen wird, aber sie wird auch nicht ansteigen“, so Hofer. Das liege daran, dass der Zustrom an Arbeitskräften weit geringer sei als in der Vergangenheit. „Wir werden keine zweite Ostöffnung mehr haben.“ Die Unternehmen würden mehr um Arbeitskräfte kämpfen müssen und etwa im Gastgewerbe bessere Arbeitsbedingungen bieten müssen.

„Ich würde sogar das Wort Vollbeschäftigung in den Mund nehmen“, sagte IHS-Direktor Klaus Neusser. Die Arbeitslosenrate sei mit über 6 Prozent zwar hoch „aber das ist eben sehr viel strukturelle Arbeitslosigkeit“. Daher müssten die regionale Mobilität und die Ausbildung gefördert werden. „Es gäbe zwar offene Stellen, die Unternehmer suchen Arbeitskräfte, aber die Arbeitslosen haben nicht die notwendigen Qualifikationen“, sagte Hofer.

Den Folgen des Ukraine-Krieges und der Gaskrise widmet das IHS in seiner Mittelfrist-Prognose ein Sonderkapitel – ein russischer Gaslieferstopp hätte gravierende negative Folgen für Österreichs Wirtschaft. „Man sollte sich nach wie vor auf einen Worst Case zumindest vorbereiten“, sagte Forschungsgruppenleiter Michael Reiter.

Die IHS-Modellrechnungen gehen von der Annahme aus, dass im Zeitraum Herbst 2022 bis Sommer 2023 27 Prozent des Erdgasverbrauchs eingespart werden müssten, was zu einer Reduktion des BIP um 3 Prozent führen würde. Diese Einsparungen würden zwangsläufig auch zu Produktionsrückgängen führen, selbst wenn genug Gas beschafft werden kann, das aber zu sehr hohen Preisen. „Wenn sich der Gaspreis im Falle eines sofortigen Lieferstopps auf etwas weniger als 300 Euro je Megawattstunde stabilisiert und dieser Preis auch wirklich an die Endnutzer weitergegeben wird, dann würde sich erst diese Einsparung von 27 Prozent einstellen“, erklärte Reiter.

Einsparungen bei den Haushalten und in der Stromerzeugung würden die verfügbare Gasmenge für die Industrie erhöhen und damit das BIP stützen. Die Wirtschaftsforscher und -forscherinnen nehmen dabei an, dass das vorhandene Gas über einen Preismechanismus effizient auf die Wirtschaftssektoren aufgeteilt wird, das sei „das oberste Gebot für die Wirtschaftspolitik“, so die IHS-Volkswirte. „Gas sparen wo immer es geht, ist, glaube ich, die Devise“, sagte Reiter.

Um die aufgrund der Energiepreisexplosion notleidenden Haushalte und Unternehmen unterstützen zu können, sollte der Staat Gas auf Vorrat einkaufen, sodass bei einer weiteren Erhöhung der europäischen Gaspreise fiskalische Gewinne generiert werden können, lautet die Empfehlung.

Den von der niederösterreichischen Landesregierung hat am Donnerstag Strompreisrabatt sieht der IHS-Chef kritisch. „Ich wohne in Niederösterreich und freue mich, dass auch ich in den Genuss dieses Deckels komme. Sie sehen daran schon, wie sozial treffsicher die Maßnahme ist.“ Vielen privaten Haushalten sei nicht klar, dass es sich bei der Maßnahme eben nicht um einen „Preisdeckel“ handle, warnte Reiter. Nur eine relativ Strommenge werde subventioniert, darüber hinaus verbrauchter Strom könne aber sehr teuer werden.

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