Geballte Kraft in kleiner Knospe

Wenn die kleinen rundlichen Knospen der Bäume und Sträucher im Frühling aufbrechen und die ersten grünen Triebspitzen hervorbringen, kommt wieder Leben in die Natur. Komprimiert im Embryonalgewebe der Knospen befinden sich alle wertvollen Inhaltsstoffe, die der Baum oder Strauch für sein Wachstum braucht – so machen die beständigen Pflanzen Jahr für Jahr ihre Verjüngerungskur durch. Das ganze Potenzial der Pflanze befindet sich im Frühling in jedem kleinen Spross – leicht nachvollziehbar, dass diese kleinen Wachstumspakete sich deswegen auch positiv auf die Gesundheit des Menschen auswirken können.

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Sauerhonig © Nimmervoll

Text und Fotos: Gisela Nimmervoll

Als der Kopfsalat noch nicht selbstverständlich das ganze Jahr über im Supermarkt zu kaufen war, wussten die Menschen das erste Grün im Frühling besonders zu schätzen. Gesundheitswert und heilsame Eigenschaften von Knospen, Triebspitzen und jungen Blättern waren unseren Vorfahren sehr wohl bekannt und wurden genutzt, um nach dem zehrenden Winter die Reserven wieder aufzufüllen und eventuelle Krankheiten zu behandeln. Die mündlichen Überlieferungen rund um die vitale Kraft der Knospen sind im Laufe der Jahre in Vergessenheit geraten. Mit dem Aufkommen der Gemmotherapie in den 50er-Jahren lebt das alte Wissen allmählich aber wieder auf — diese junge Form der Phytotherapie nutzt das frische, pflanzliche Embryonalgewebe zur Herstellung von Extrakten bzw. Glyzerin-Mazeraten, die als Heilmittel für verschiedenste Krankheiten verwendet werden.

Da die Knospen und Triebspitzen der Pflanzen in diesem Stadium eine außergewöhnlich hohe Konzentration an Nährstoffen, Phytohormonen und sekundären Pflanzenstoffen beinhalten, reichen schon kleine Mengen aus, um den Körper zu regenerieren, zu stärken oder zu entgiften. So gilt der Richtwert: Äpfel sammelt man im Kübel, Kräuter im Korb und Knospen im Fingerhut. Auch um die Pflanze selbst nicht zu schädigen, dürfen nur sehr wenig Knospen von einem Ast gesammelt werden. Zudem sollte man nur bei jenen Pflanzen sammeln, die man auch sicher erkennt.

Die jungen Knospen der unterschiedlichen Pflanzen entfalten beim Verzehr oder der Einnahme verschiedenste Wirkungen: So sollen Apfelknospen das Immunsystem stärken, junge Birkenknospen erneuernd und reinigend wirken, Linden- und Rosenknospen bei großer Stressbelastung helfen und die Knospen sowie jungen Austriebe der Johannisbeere als „natürliches Kortison“ sogar bei Entzündungen und allergischen Reaktionen lindernd wirken.

Die Knospen können einzeln genascht oder verschiedenen Speisen zugegeben werden. Um länger von den den heilkräftigen Sprösslingen zu profitieren, können die Wirkstoffe in Alkohol, Essig, Öl oder Honig ausgezogen und in kleinen Dosen das ganze Jahr über genutzt werden.

Oxymel: Gesunder Sauerhonig

Der Sauerhonig „Oxymel“ wird in der Naturheilkunde bereits seit langer Zeit zur Behandlung von verschiedensten Krankheiten verwendet — sogar berühmte Ärzte der Antike wie Hippokrates und Dioskurides sollen von der umfassenden Wirkung des sauren Honigs überzeugt gewesen sein. So wurde er zur Fiebersenkung, als Antibiotikum, bei Atemwegsproblemen sowie geschwächtem Immunsystem und Entzündungen im Körper und auf der Haut eingesetzt. Auch als effektives „Darmpflegemittel“ ist Sauerhonig bis heute bekannt. Hergestellt wird Oxymel mit Honig, Essig und manchmal auch Wasser — nach Belieben werden noch heilsame Kräuter hinzugefügt. Durch das Zusammenspiel dieser gesundheitswirksamen Zutaten entsteht die umfassende Heilwirkung.

Johannisbeerknospen-Oxymel

Zutaten: 1 EL Johannisbeerknospen und Triebspitzen, 100 g hochwertiger Honig (Bio oder aus regionalem Betrieb), 30 ml Apfelessig, 70 ml Wasser

Zubereitung: Die Johannisbeerknospen in einen Mörser geben und mit dem Stößel anquetschen bis der herb-fruchtige Geruch von frischen Johannisbeeren aufsteigt. Die Knospen dann in ein kleines Schraubglas mit ca. 200 ml Fassungsvermögen geben. Anschließend den Honig mit Apfelessig und Wasser mischen, bis er sich aufgelöst hat. Das Gemisch dann über die Knospen im Glas gießen, zuschrauben und schütteln. Die Knospen sollen im Sauerhonig dann etwa drei Wochen bei Zimmertemperatur ziehen. Dann können sie abgeseiht und der Oxymel im Kühlschrank aufbewahrt werden.

Anwendung: Bei Erkältung, geschwächtem Immunsystem und Entzündungen im Körper dreimal täglich einen Teelöffel einnehmen. Als vitalisierendes, die Darmflora stärkendes Getränk kann 1 Esslöffel Sauerhonig in ein Glas Wasser oder in den lauwarmen Tee gerührt und getrunken werden.

TIPP: Will man die Knospen der Johannisbeere ernten, sollte man die Sträucher statt im Herbst erst im Frühling zurückschneiden. So können die Knospen von den geschnittenen Ästen abgeerntet werden, ohne die Pflanze zu schädigen.