Gedenklesung zu Freisler-Prozessen im Kärntner Landesgericht

31 Todesurteile hat Roland Freisler, Präsident des NS-Volksgerichtshofes, in drei Prozessen ab 1943 in Kärnten verhängt. Der Große Schwurgerichtssaal des Klagenfurter Landesgerichtes, der Originalschauplatz, wurde Dienstagabend zur Bühne für ein Stück beklemmende Erinnerungsarbeit. Regisseur Arthur Fischer ließ aus Briefen, Urteilen und Zeitungsberichten lesen und Freisler mittels Videoprojektion auferstehen.

Als Katarina Hartmann, Katharina Schmölzer und Oliver Vollmann nach einer knappen Stunde ihre Leselampen ausknipsten, herrschte langes Schweigen, bevor sich das Publikum des vollbesetzten Gerichtssaals mit zaghaft einsetzendem Applaus für den Vortrag bedankte. Umrahmt wurde die Lesung im Rahmen der Veranstaltungs-Schiene „Statt Theater“ von Solocellist Wilhelm Pflegerl, der Musik des jüdischen Komponisten und Arnold-Schönberg-Schülers Egon Wellesz spielte.

Der deutsche Richter Roland Freisler wurde zum Synonym für die NS-Unrechtsjustiz: Er war nicht nur einer der Teilnehmer an der Wannsee-Konferenz, die den Holocaust plante, sondern führte auch die Schauprozesse gegen Sophie und Hans Scholl von der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ und jene gegen die Hitler-Attentäter vom 20. Juli 1944 rund um Graf Stauffenberg. Insgesamt war der später als „Blutrichter des Dritten Reiches“ Bezeichnete für mehr als 2.200 Todesurteile verantwortlich. Die meisten dieser Verfahren fanden in Berlin oder München statt.

Als „Reisender in Sachen Tod“ (Arthur Fischer) kam er aber auch drei Mal in den „deutschen Kärnten-Gau“, wo der Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu einem Großteil von Mitgliedern der slowenischen Volksgruppe getragen wurde. Allein 13 der zum Tode verurteilten 31 Widerstandskämpfer stammten aus Zell Pfarre/Sele Fara. Alle wurden anschließend in Wien oder Graz hingerichtet.

Die Namen der Opfer – Deserteure, Partisanen und nur zufällig Beteiligte – wurden bei der Lesung am Tatort immer wieder genannt. Katarina Hartmann zitierte die Originalquellen zum Teil auf Slowenisch. Die Menschen dahinter lernte man durch erschütternde Selbstzeugnisse wie Tagebucheintragungen und Abschiedsbriefe an die Familien kennen: „Es ist so ein schöner Tag draußen, und ich werd’ sterben müssen.“

Video
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Roland Freisler selbst starb 1945 bei einem Luftangriff auf Berlin. Der lange Schatten des für seine mörderische Häme berüchtigten Nazis reicht bis heute in viele Kärntner Familien hinein. Vielleicht überlegt sich Stadttheater-Intendant Aron Stiehl, der mit weißen Rosen für das Ensemble im Publikum saß, angesichts des großen Interesses doch noch eine Wiederholung der Produktion.

(S E R V I C E – )

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