Geglückter Versuch über das Chaos: “Die Edda” im Burgtheater

Im Anfang war der Nebel. Zumindest im Burgtheater. Er hüllte das Premierenpublikum am Samstag zum Auftakt der Wiener Fassung der “Edda” des isländischen Regisseurs Thorleifur Örn Arnarsson ein, um sich Stunde für Stunde zu lichten. Am Ende stand ein eindrucksvolles Schlaglicht auf den Kosmos der nordischen Mythologie. Ein Gesamtkunstwerk über das Chaos von Anfang und Ende – und dem dazwischen.

Fast zehn Minuten bleibt es stockdunkel, während sich der Nebel seinen Weg in den Zuschauerraum bahnt. Weit hinten auf der Bühne brennt ein Feuer, im schemenhaften Gegenlicht zwei Gestalten: Hinter einem transparenten Vorhang deklamieren Dorothee Hartinger als Prophetin Völva und die isländische Schauspielerin Elma Stefania Agustsdottir auf Isländisch und Deutsch Strophen aus dem im 13. Jahrhundert verfassten altisländischen Text, der zwei Sammlungen von Götter- und Heldensagen bzw. -liedern entstammt. Die sich überlappenden Textfetzen, die ihren Weg in den Saal finden, kunden von der “Urgeschichte”, von der Weltesche Yggdrasil und von Odin, dem Göttervater.

Als sich der Vorhang hebt und der Nebel sich langsam verzogen hat, treten mit den drei Nornen Urd, Verdandi und Skuld die Schicksalsgöttinnen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf. Sie thronen auf der noch liegenden Esche, die schon bald von den Bühnenarbeitern an Seilen befestigt werden wird, um gen Schnürboden zu fahren, von wo sie die folgenden dreieinhalb Stunden herunterbaumeln und das Zentrum des Geschehens bilden wird. Es ist zugleich der erste Auftritt von Mavie Hörbiger, Marie-Luise Stockinger und Andrea Wenzl, die in zahlreichen weiteren Rollen dem Abend ihren Stempel aufdrücken werden.

Gemeinsam mit dem Autor Mikael Torfason hat Arnarsson sich bereits im Vorjahr am Schauspiel Hannover der “Edda” angenähert, die nun am Burgtheater in völlig neuer Besetzung wiederaufersteht. Es ist eine Collage aus Originalstrophen, Sekundärliteratur (humorig vorgetragen von “Erklärbär” Dietmar König) und autobiografischen Szenen Torfasons über die Beziehung zu seinem alkoholkranken Vater, die diesen Abend zu einem komplexen Gebilde machen, das den Spannungsbogen trotz der Länge halten kann. Es wird gestaunt, gelacht und nachgedacht (im Publikum wie auf der Bühne). Wolfgang Menardi hat auf der Drehbühne eine Welt geschaffen, in der es keine linearen Abläufe gibt, in der alles gleichzeitig stattfinden kann und das Gestern, das Heute und das Erfundene sich die Hände reichen. Stimmungsvoll zusammengehalten werden die Zeiten unter der musikalischen Leitung von Gabriel Cazes.

Nicht zuletzt den entrückten Kostümen von Karen Briem ist es zu verdanken, dass die zahlreichen Mehrfachrollen nicht durcheinanderpurzeln. Da gibt es schräge Zwerge, die niemand geringeren als Loki des Sexismus und Rassismus bezichtigen, beleibte Riesen mit Mega-Brüsten oder den einäugigen Odin, der sein Auge bei dem Weisen Mimir gelassen hat, um selbst Weisheit zu erlangen. Auch wenn Markus Hering als Odin und Florian Teichtmeister als Loki alles geben – im Zentrum dieser Inszenierung stehen die Frauen: Andrea Wenzl als Fruchtbarkeitsgöttin Freyja wirft sich den Männern lustvoll an den Hals, nur um sie Sekunden später ins Unglück zu stoßen. Mavie Hörbiger verstört nicht nur als Schicksalsgöttin Skuld, sondern noch viel mehr als alte Riesin Elli und Marie-Luise Stockinger legt einen glatzköpfigen, schnippischen Donnergott Thor hin, dem man in seinem Blutrausch nicht begegnen möchte.

Sie alle ringen mit der Zeit, mit den Mythen und ja, mit dem Theater. Denn die Erzählung der Erzählung ist an diesem Abend allgegenwärtig. Nicht nur wird das Bühnenbild als bloße Kulisse enttarnt, auch der – nicht immer geglückte – Einsatz von Mikrofonen, Theaterblut und Kostümen ist Teil des Prozesses einer Annäherung an den großen nordischen Mythos, der laut Regisseur Arnarsson jedem Isländer im Blut liegt, für das kontinentale Europa aber ganz neu erfahrbar gemacht werden muss. Das ist dem Ensemble in höchstem Maße gelungen. Langer, herzlicher Applaus.

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