Geniales Werk, abgründige Geschichte

Chefdirigent Markus Poschner über die Oper „Elektra“ , die am 19. Jänner im Musiktheater Premiere feiert

Mit MARKUS POSCHNER  sprach Paul Stepanek

Richard Strauss’ und Hugo von Hofmannsthals Oper „Elektra“ ist eine Herausforderung für jedes Opernhaus; sowohl in der künstlerischen Interpretation als auch vom enormen musikalischen Aufwand her. Mitten in der heißen Phase der Proben- und Vorbereitungsarbeit für die Musiktheaterpremiere am 19. Jänner gab Chefdirigent Markus Poschner in einer kurzen Pause dem VOLKSBLATT ein Interview: In bildhafter, intensives Engagement ausstrahlender Sprache ließ er einige Facetten seiner Sicht auf das einmalige Werk und seine Schöpfer aufblitzen.

VOLKSBLATT: Wo sehen Sie das Besondere an der Oper „Elektra“, sozusagen ihr Alleinstellungsmerkmal im Schaffen Richard Strauss’ wie überhaupt in der Opernliteratur?

POSCHNER: „Elektra“ gibt sich ganz unvergleichbar ihre Gesetze selbst; sie lädt ein zu einem Gang ins tiefste Innere und fährt mit dem Aufzug nicht hinauf, sondern hinunter in den schwärzesten Keller einer menschlichen Existenz. War bis dahin das Kernmotiv vieler Opern Vergebung, Erlösung oder Läuterung, so ist es in „Elektra“ Hass. Der extreme Stoff forderte den Komponisten zu einer extremen Antwort heraus: Die Leitmotivtechnik im Sinne Wagners ballt sich zu ungeahnten neuen Formen und Überlagerungen, die immer wieder die Grenzen der Tonalität erreichen oder überschreiten. Der orchestrale Aufwand ist der größte in einer Strauss-Oper, und die Anforderungen an Orchester und Sänger-Ensemble sehr hoch. Das Genie Hofmannsthal hat die Geschichte eines Monstrums geschrieben, die mit Strauss’ genialer Musik, die alle Grenzen sprengt, zu einem umwerfenden Werk verschmolzen ist.

Spiegelt das Rache- und Untergangsdrama „Elektra“ den Zeitgeist seiner Entstehung und kann man es auch als Fanal des Zusammenbruchs der alten Ordnung im „Fin de siècle“ vor dem Ersten Weltkrieg sehen?

Unbedingt. Der Zeitgeist der beginnenden Moderne, die sich gegen alles Überkommene und gegen verkrustete gesellschaftliche Strukturen auflehnt, bietet für den Blick auf „Elektra“ viele Hebel und Perspektiven; vor allem die Psychoanalyse nach Freud hatte umwälzende Wirkung, die dieses Stück beeinflusst: Der Tochter-Mutter-Konflikt zwischen Elektra und Klytämnestra ist auch in der Spannung zwischen unerfüllter und erfüllter (befreiter) Sexualität zu suchen.

Alle Figuren in diesem Stück sind defekt, sie lehnen sich gegen die ihnen zugeteilten Rollen auf; einzig Chrysothemis will „einfach nur Weib sein und Kinder haben“. Trotz der Klarheit der Geschichte ist der zentrale Konflikt vielschichtig und vage, was die Vertonung spüren lässt. „Elektra“ ist eine Art Psycho-Thriller, der Assoziationen an den Stil prominenter Filmgestalter weckt. Die Musik könnte als „Soundtrack“ durchgehen, der ungebremst sein Tempo durchzieht, alle atemlos macht. Andererseits spiegelt das Werk Charakterzüge der antiken Tragödie: Rückkoppelung, unlogische Verkettung, große Metaphern; vor allem jene von der Familie als kleinste gesellschaftliche Einheit, in der sich die größte Katastrophe abspielt.

Nach dem großen Erfolg von „Frau ohne Schatten“ ist nun abermals eine exemplarische Strauss-Oper zu erleben. Dürfen wir uns auf eine Art Strauss-Zyklus freuen, in dem auch eher komödiantische Opern Platz haben?

Wir — das Musiktheater — sind eigentlich schon mittendrin in einem solchen Zyklus, den wir fortsetzen wollen. Mit „Frau ohne Schatten“ haben wir ein überregionales Signal gesetzt: Wir zeigen, was wir können! Es gibt eine große Bereitschaft im Haus, die künstlerischen Herausforderungen nicht nur zu bewältigen, sondern sich stets zu steigern und zu verbessern. Zum Schaffen von Richard Strauss habe ich eine ausgeprägte Beziehung, die ich durch Arbeit mit großartigen Dirigentenpartituren (Clemens Krauss, Karl Böhm) im Garmischer Strauss-Institut regelmäßig vertiefe.

Wollen Sie unseren Lesern eine Botschaft geben?

Mein Wunsch wäre, dass das Publikum unsere Arbeit mit Neugier und offenem Herzen sieht. Solche Kunstwerke zu erleben, ist eine Möglichkeit, Empathie zu lernen und Wege zu sich selbst zu finden. Kurz gesagt: „Wer fühlen will, muss hören!“ und „keine Angst vor Mitgefühl!“