„Gesamtheitliche Digitalstrategie“ für das mumok zum 60er

Mit einem äußerst gesellschaftspolitisch ausgerichteten Programm bestreitet das Wiener mumok das heurige Jahr, in dem auch das 60-Jahr-Jubiläum der Institution ansteht. Neben Ausstellungen zu theatraler Kunst, tierischen Sammlungsobjekten und Kollektiven verpasst man sich eine „gesamtheitliche Digitalstrategie“ und ist weiter an einer Flächenerweiterung dran, wie Direktorin Karola Kraus im APA-Interview verriet. Und natürlich kämpft man noch mit den Auswirkungen der Pandemie.

„Die vergangenen zwei Jahre waren von permanenten Verschiebungen geprägt“, betonte Kraus. Aufgrund eines strengen Sparkurses sowie der Kurzarbeit, die in Anspruch genommen wurde, sei man aber gut durch die Krise gekommen. „Wir sind auch für 2022 sehr gut aufgestellt. Aber, und das ist dem Kulturministerium bekannt, 2023 wird es kritisch werden, wenn sich die Besucherzahlen nicht schneller erholen als erwartet.“ Dann werde eine zusätzliche Finanzspritze notwendig.

Nach dem Rekordjahr 2019 brach der Besucherstrom im ersten Pandemiejahr um rund 60 Prozent ein. Das Niveau des Vorjahres ist ähnlich, wenngleich etwas besser. Die genauen Zahlen werden durch das Ministerium in nächster Zeit veröffentlicht. Mit einer Erholung des Tourismus rechnet Kraus erst in den Jahren 2023 und 2024. Zuletzt zählte man 60 Prozent österreichische Besucher und 40 Prozent aus dem Ausland – vor der Pandemie war es genau umgekehrt. „Wir sind glücklich, dass die Österreicher uns die Treue gehalten haben.“

Auf das Publikum wartet in den kommenden Monaten jedenfalls ein anspruchsvolles Programm. „Die Bildungs- und Aufklärungsfunktion ist ganz zentral“, unterstrich Chefkurator Rainer Fuchs. „Die Zeit des Neobiedermeier ist vorbei, es gibt eine neue Politisierung und Polarisierung in der Gesellschaft.“ Als Museum müsse man Flagge zeigen und die öffentliche Bildungsfunktion wahrnehmen. Durch Corona sei deutlich geworden, dass viel verdrängt wurde in der Gesellschaft. „Wir wollen zeigen, dass wir am Puls der Zeit sind“, so Fuchs.

Den Auftakt macht eine Ausstellung zum US-Künstler Jesse Stecklow, „der sich mit der Digitalisierung beschäftigt. Aber nicht nur im Sinne des Transfers von Daten, sondern was mit der Materialität der Welt zu tun hat, mit Organik“, so Fuchs über „Terminal“ (ab 10.3.). „Er fragt: Wie sieht es mit unserer Wirklichkeit aus?“ Aus dem Sammlungsbereich wird „Kollaborationen“ (ab 2.7.) bestückt. „Wir leben in einer Zeit eines überbordenden Individualismus und einer Entsolidarisierung aufgrund von neoliberalen Entwicklungen.“ So sei es fast ein Korrektiv, dass man wieder an das Kollektiv denke und sich über den eigenen Tellerrand hinausbewege.

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Es gebe auch eine Kritik an Reinheit, Autonomie und Vorstellungen von Originalität, was in der Ausstellung „mixed up with others before we even begin“ (ab 26.11.) beobachtet werden könne. „Hier wird das Unreine, das Hybride, das Queere definiert“, erklärte Fuchs. „Es ist wichtig, eine analytisch-kritische Position einzunehmen und klarzumachen, dass man sich selbst organisieren muss gegen bestimmte monopolistische Tendenzen, die einen vielleicht auf den falschen Weg bringen.“ Das habe letztlich auch mit Migrationsfragen zu tun, eine Parallele zur Schau der Roma-Künstlerin Emília Rigová („Who will play for me?“, ab 2.7.). „Bei ihr geht es um das Spannungsfeld zwischen Selbstbild und Fremdbestimmung. Sie ist auch als Forscherin tätig und versucht, diesen vorurteilshaften Vereinnahmungen von Minoritäten zu entgegen, in dem sie sehr wissenschaftsorientiert arbeitet.“

Das 60-Jahr-Jubiläum des mumok im Herbst wird mit der von Fuchs kuratierten Ausstellung „On Stage“ (ab 22.10.) begangen. „Das Bühnenhafte und Theatrale ist ja ein Motiv in der Kunst seit der Moderne, das in den 60er- und 70er-Jahren durch die Performancekunst besonders stark geworden ist. Es kann aber auch sehr politisch besetzt sein.“ Zudem gebe es Arbeiten, in denen man als Publikum wie auf einer Bühne selbst zum Akteur werden kann. In „Das Tier in Dir“ (ab 13.5.) gehe es darum, wie gesellschaftliche Hierarchien und Strukturen gebaut werden, wobei das Tiermotiv als Metapher fungiere. Und schließlich ist Adam Pendleton (ab 22.10.) die monografische Hauptausstellung gewidmet. „Er nutzt das Potenzial von Dadaismus, um die Verbindung zwischen Blackness, Abstraktion und Moderne zu thematisieren.“

Dass Corona die Welt nachhaltig verändert, zeigt sich auch im mumok. In punkto Digitalität habe man stark aufgerüstet, so Kraus. „Und das werden wir sicher weiterführen.“ Im Rahmen der neuen Digitalstrategie stellte sie etwa eine neue Website bis Ende des Jahres in Aussicht sowie eine bessere Zugänglichkeit der Onlinesammlung. Auch das Vermittlungsprogramm, Onlineführungen oder Kinderworkshops seien zentrale Punkte. „Es zieht sich durch alle Bereiche des Museums. Aber die direkte Begegnung mit der Kunst lässt sich dadurch nicht ersetzen. Die Herausforderung der Zukunft wird sein, zwischen analogem und digitalem Programm eine Gratwanderung zu schaffen.“

Von der Kulturpolitik wünscht sich Kraus wiederum eine Haltung, „die die Qualität der Kunst als Hauptkriterium heranzieht und nicht die Quantität“. Oft werde Erfolg ja nur nach Besucherzahlen gemessen. „Wir sind ein diskursives Museum, uns geht es nicht um ein rein kommerziell orientiertes Blockbusterprogramm. Deshalb sind wir auch so gut durch die Pandemie gekommen.“

Hartnäckig bleibt Kraus beim Thema Flächenerweiterung, auch wenn das in der Krise schwierig umzusetzen sei. Es gebe verschiedene Ansätze und viele Gespräche mit Investoren. „Ich bin zuversichtlich, dass wir noch in meiner Amtszeit die Eröffnung einer räumlichen Erweiterung feiern können.“ Und von der neuen Museumsquartier-Geschäftsführerin Bettina Leidl erhofft sich Kraus, dass das MQ bei der öffentlichen Bespielung des Areals einen anderen Zugang bekommen wird. „Wir möchten weniger ein Rummelplatz, sondern ein Kulturareal sein.“

Übersicht der Ausstellungsvorhaben 2022 im mumok:

(S E R V I C E – )

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