Geschäft, Feministinnen, Tod & Teufel

Salzburger Festspiele: „Jedermann“-Premiere mit neuer Buhlschaft und Moretti

Jedermann Tobias Moretti mit seiner neuen Buhlschaft Valery Tscheplanowa.
Jedermann Tobias Moretti mit seiner neuen Buhlschaft Valery Tscheplanowa. © APA/Barbara Gindl

Von Eva Hammer aus Salzburg

Der alljährliche Gipfel der Schauspielkunst, österreichische Tradition wie der Radetzkymarsch beim Neujahrskonzert, feierte am Samstag auf dem Salzburger Domplatz Premiere. „Jedermaaaann“ gemurmelt, gehaucht, gedonnert hallt es nach mächtigem Glockengeläut zum hundertsten Mal — Uraufführung 1920. Pathos? Weit gefehlt!

Eine Gesellschaft aus Selbstdarstellern

„Jedermann“ ist ein modernes Stück. Business-Society parliert an Stehtischchen. Eine Gesellschaft aus Selbstdarstellern und einem Gastgeber, der es langsam mit der Angst zu tun kriegt. Das Verdrängteste überhaupt, der Tod, kriecht ihm in den Nacken. Noch hält er fest an seiner marktwirtschaftlichen Logik. „Mein Geld muss für mich werken und laufen, mit Tod und Teufel hart sich raufen… Auch kosten mich meine Häuser gar viel.“ Tobias Morettis Umgangston entfaltet sich auch in Hofmannsthals postmittelalterlichem Überschwang als durchaus übliche Geschäftssprache. Ein genervter Blick himmelwärts, als ein Hubschrauber lärmend über den Domplatz fliegt, so logisch, wie der gar nicht feine Umgang mit Schnorrern und Schmarotzern, die hier Gesell (Gregor Bloéb), armer Nachbar (Helmut Mooshammer), Schuldknecht und sein Weib (Michael Masula und Martina Stilp) heißen.

Moretti steht zum dritten Mal in der Inszenierung von Michael Sturminger auf der Bühne. Geschäftliche Zwischentöne beherrscht er wie das Hörbarmachen des Ungesagten, im Finale schreien angesichts des Todes seine leisen Töne am lautesten. Geduldige Nachsicht zeigt er mit seiner Mutter. Edith Clever wahrt bei aller mütterlichen Eindringlichkeit Distanz, wissend um ihre weilbliche Weisheit.

Szene 5: Bühne frei für die Buhlschaft! Eine überaus feminine Feministin, Synonym für Sex und Sinnlichkeit. Revolution! Sie trägt Hosen. Im fast durscheinenden glitzernden Overall tritt sie auf die Showbühne in unheiliger Aktualität. Und noch eine Neuerung: Sie singt mit dunkler schöner Stimme ein Auftrittslied, verführerisch, orientalisch. Valery Tscheplanowa weiß, was sie will. Sie liebt den Jedermann, sagt ihm ihre Meinung, bewahrt Souveränität auch, wenn er gewalttätig wird, gewährt und erwidert, dankbar nimmt er an, gierig nach mehr. Sündhaft rot tritt sie später in die schwarz-weiße Tischgesellschaft.

Die Guten Werke bläst der reale Wind fast um

Der lange liebevolle Kuss des Todes bricht die Stimmung. Als Mann in wehenden schwarzen Frauenkleidern erscheint Peter Lohmeyer mit großer Geste, harten Worten und milder Stimme. Da und dort ein zaghafter Lacher, wenn etwa Björn Meyer als Dicker Vetter verlegen herumeiert. Sich selbst und die ganze Bühne in Gold hüllt Mammon Christoph Franken. Im Nacken sitzt er Jedermann, wenn er höhnt: „Fährst in die Gruben nackt und bloß, so wie du kamst aus Mutter Schoss“. Im Spitalsbett darben die Guten Werke. Mavie Hörbiger, so zart und schwach, dass der reale Wind sie fast umbläst, agiert voll Klarheit mit weiblichem Selbstverständnis.

Der Glaube (Falk Rockstroh) aus der Sicht eines Ungläubigen, wie Sturminger von sich preisgibt, stellt sich als Option für Gläubige. Gregor Bloéb, Morettis Bruder, legt den Teufel als Witzfigur an. Dass er sich selbst nicht ernst nimmt, mit dem Publikum kokettiert, bringt einige Lacher. Wenn er aber statt mit eingezogenem, dem stolz vor sich hergetragenen Schwanz von dannen zieht, schürft er an der Grenze zur Lächerlichkeit. Nach 90 Minuten hat Jedermann wie selbstverständlich „vollendet das Menschenlos, tritt vor den Herrn nackt und bloß“. Ein zeitlos aktuelles Stück getragen vom sensationellen Schauspieler Tobias Moretti und einem großen Regisseur. Himmlischer Lohn für das gottgefällige Spiel: Das dräuende Gewitter entlädt sich erst nach dem Schlussapplaus.

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