Geschworene auf Hexenjagd?

Burgtheater: Marie-Luise Stockinger brilliert in „Das Himmelszelt“

Stark: Marie-Louise Stockinger und Sophie von Kessel
Stark: Marie-Louise Stockinger und Sophie von Kessel © Burgtheater/Marcella Ruiz Cruz

Das Burgtheater lockt bei seiner jüngsten Premiere mit allem, was heute hoch im Kurs steht — die Unterdrückung der Frau, ihr Körper als „entrechtetes“ Schlachtfeld. Das wird in einem „Krimi“-Umfeld geboten, für das man zum Vergleich die „Zwölf Geschworenen“ und „Hexenjagd“ beschwört — Begriffe, die jeder Theatergeher kennt und die ihm Spannung garantieren.

Und spannend im konventionellen Sinn ist „Das Himmelszelt“ der britischen Autorin Lucy Kirkwood, das nun im Burgtheater seine deutschsprachige Erstaufführung erlebte, fraglos. Dennoch hinterlässt es einen äußerst unangenehmen Beigeschmack.

Das Stück spielt Mitte des 18. Jahrhunderts in England, und wenn Sally Poppy, eine junge Mörderin, zwölf recht bürgerlichen Damen vorgeführt wird, sollen sie nicht über ihre Schuld entscheiden, sondern einzig darüber, ob sie schwanger ist, was sie vor dem Galgen retten würde. Die Ladies haben es hier aber nicht mit dem klassischen Opfer zu tun, sondern mit einer wütenden, aggressiven und wohl auch nicht unschuldigen Proletarierin, die es ihren Verteidigerinnen nicht leicht macht.

Starke Leistungen

Es ist eine Rolle, die zwar keine Sympathien einträgt, aber Bewunderung für die Interpretin, die in jeder Hinsicht bis an die Grenzen gehen muss — die Oberösterreicherin Marie-Luise Stockinger, die endgültig unter den allerersten Damen des Hauses angekommen ist, bietet vibrierenden Hass auf diese Gesellschaft, Trotz, Zorn, Wut. Und doch spürt man auch das arme, benachteiligte Geschöpf, das da dahinter steckt und das gnadenlos vorgeführt wird.

Unter den zwölf Geschworenen-Damen ist eine, die sich mit aller Kraft dieser Sally annimmt — später erfährt man auch, warum, wie das Stück überhaupt zunehmend zum effekthascherischen Reißer wird und stets neue Drehungen und Wendungen unternimmt. Immerhin, Sophie von Kessel darf mit Kraft und Überzeugung die Partei der Benachteiligten ergreifen, die auch ein Produkt der hart angegriffenen gesellschaftlichen Umstände sind.

Rund um diese starken zentralen Leistungen hat Regisseurin Tina Lanik einen Großteil der Burgtheater-Damen versammelt, bekannte Gesichter und neue, die den Hintergrund bilden.

Lauter Thriller

Am Ende hat man einen lauten Thriller gesehen, der sicher sein Publikum finden wird. Aber wohl kaum, weil man über die Rechte der Frauen (oder das lange an ihnen begangene Unrecht) diskutieren will. Sondern weil sie so effektvoll und krude darin ausgestellt werden …

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