Gesellschaftskritik beim 72. Filmfestival Locarno

“Klar und präzise, aber auch eklektisch” soll das erste Programm von Lili Hinstin beim Filmfestival Locarno sein. Insgesamt 89 Lang- und Kurzfilme rittern bei der 72. Ausgabe, die von 7. bis 17. August stattfindet, in vier Kategorien um Auszeichnungen. Österreich ist mit zwei Koproduktionen in Nebenreihen vertreten, zudem feiert Patrick Vollraths Langfilmdebüt “7500” in der Schweiz Weltpremiere.

Hinstin, die auf den bisherigen künstlerischen Leiter Carlo Chatrian gefolgt ist, will in ihrem ersten Jahr gesellschaftskritische Themen in den Mittelpunkt rücken. “Das Kino soll uns helfen, unsere Wohlfühlzonen zu verlassen und uns den drängenden und verunsichernden Fragen der Gegenwart zu stellen”, so die Französin. Schließlich werde das Festival nicht zuletzt deshalb respektiert, weil es stets Risiken eingegangen sei, wird sie in den Unterlagen zitiert. Entsprechend wolle Hinstin Neuerungen wagen und etwa neue Formen wie beispielsweise Virtual Reality stärker berücksichtigen.

Im Hauptbewerb treffen heuer 17 Arbeiten aufeinander, darunter das Vater-Tochter-Drama “Das freiwillige Jahr” von Ulrich Köhler und Henner Winckler. Neben dem deutschen Regieduo dürfen sich auch Runar Runarsson (“Bergmal”), Nadege Trebal (“Douze Mille”), Pedro Costa (“Vitalina Varela”) oder Joe Talbot (“The Last Black Man in San Francisco”) Hoffnungen auf den Goldenen Leoparden machen. In der Nebenschiene “Cineasti del Presente” ist das österreichisch-deutsche Regiedoppel Elsa Kremser und Levin Peter mit der Doku “Space Dogs” vertreten, in der sie zwei Straßenhunden in Moskau folgen. Verwoben wird das Ganze mit Archivaufnahmen der sowjetischen Raumfahrt, soll doch der Bogen von Weltraumhündin Laika ins Heute gespannt werden.

In der Sparte “Moving Ahead” findet sich wiederum Lukas Marxt mit “Ralfs Farben”, mit dem der gebürtige Österreicher ein experimentelles Porträt seines schizophrenen Titelhelden angefertigt hat. Ebenfalls mit rot-weiß-rotem Anstrich kommt “7500” daher: Für die österreichisch-deutsche Koproduktion konnte Regisseur Vollrath – er war für seinen Abschlussfilm “Alles wird gut” an der Filmakademie Wien für einen Oscar nominiert – Hollywoodstar Joseph-Gordon Levitt gewinnen. Das Drama behandelt eine Flugzeugentführung auf der Strecke von Berlin nach Paris. “7500” wird auf der Piazza Grande des Ortes am Schweizer Ufer des Lago Maggiore gezeigt und rittert damit um den begehrten Publikumspreis.

Starglanz bringt US-Schauspielerin Hilary Swank nach Locarno, erhält die 44-Jährige doch am 9. August den “Leopard Club Award”. Zu diesem Anlass werden auch ihre Filme “Boys Don’t Cry” (1999) sowie “Million Dollar Baby” (2004), die ihr jeweils einen Oscar als beste Hauptdarstellerin einbrachten, gezeigt. Die im Februar verstorbene Schweizer Schauspiellegende Bruno Ganz wird wiederum mit einem Screening von Theo Angelopoulos’ “Die Ewigkeit und ein Tag” (1998) geehrt. In dem mit einer Goldenen Palme von Cannes bedachten Werk spielte Ganz die Hauptrolle des Dichters Alexander.

(S E R V I C E – 72. Filmfestival von Locarno von 7. bis 17. August, )

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