Glatte Oberflächen, Körperlichkeit

„tanzhafen“: Eröffnung mit Editta Brauns „LoSt“ in der Tribüne Linz

Spielen tänzerisch eine Vielfalt an Emotionen durch: Iris Heitzinger und Dante Murillo in Editta Brauns Stück „LoSt“
Spielen tänzerisch eine Vielfalt an Emotionen durch: Iris Heitzinger und Dante Murillo in Editta Brauns Stück „LoSt“ © Miroslaw Dworczak

Von Christian Pichler

Partnerbörsen boomen, der Narzissmus ebenso. Er, der sich Johnny nennt, flirtet mit Ladies im Publikum, preist seine Vorzüge. Er ist, unverzichtbar in Zeiten penetranter Selbstoptimierung, „Körpertyp fit“.

Sie liegt erst unbeweglich, niedergedrückt von Zeitungsstößen. Viele Fische im Partnerpool, sie ringt nach Atem, ihre Hände greifen ins Leere. Die Form der non-digitalen Kontaktanbahnung hübsch unzeitgemäß, auch ein guter Witz der Choreografin. Was geschieht, wenn zwei sich treffen?

Editta Braun spielt in ihrer Tanzperformance „LoSt“ („verloren“) vielfältige Möglichkeiten der Annäherung durch. Das Stück, 2016 uraufgeführt, aktueller denn je. Es wurde am Samstag zur Eröffnung des 5. tanzhafenfestivals in der Tribüne Linz gezeigt, eine Würdigung auch von dreißig Jahren Editta Braun Company.

Fast scheint es, als wolle die in Vöcklabruck geborene Braun die glatt polierten, „smarten“ Oberflächen zeitgenössischer Selbstdarstellung durch Körperlichkeit sprengen. Iris Heitzinger und Dante Murillo atmen hörbar, keuchen, schwitzen. Das Kennenlernspielchen — lass dich fallen und ich fang’ dich auf — mit schönen Hebefiguren, mit beschleunigtem Tanz. Das Spiel mündet in Szenen von Begehren, nackter Haut, heftigem Aufeinanderprallen, Aggression bis hin zum schweißtreibenden Ringkampf.

Braun hinterfragt, liebt humorvolle Brechungen

Aber sind das auch nur Bilder im Kopf, wie ein „heißes“ Date abzulaufen hat? Editta Braun hinterfragt, sie liebt humorvolle Brechungen. Lässt das Duo sich in einem Knäuel aus Lederjacke und Gewand verwickeln, die Zweisamkeit eine Zwangsjacke oder doch ein In-eins-wachsen?

Die entblößte Tänzerin von ihm notdürftig mit Zeitungsseiten behängt: schäbige Ballprinzessin, selbstironische Freiheitsstatue, ja auch gehorsame und irre gewordene Musicbox.

Intensives Tanzerlebnis, hohe physische Präsenz

Ein Schweigen, endlich ein ruhiges Anschauen, heruntergedimmtes Bühnenlicht entlässt die beiden in die Intimität. Ein intensives Tanzerlebnis, hohe physische Präsenz von Heitzinger und Murillo. Wildes und groteskes Theater, Magie der Bewegung, ein überwiegend beglücktes Publikum.

„tanzhafen“ bis 5. Mai, am 3. Juni in Kooperation mit dem integrativen Festival sicht:wechsel im Posthof

Infos: tanzhafenfestival.at

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