Glückloser „Kaufmann von Venedig“ im Volkstheater Wien

Zwei Grundideen hatte Volkstheater-Intendantin Anna Badora für ihre Inszenierung von Shakespeares „Der Kaufmann von Venedig“: Das Publikum darf zwischen drei möglichen Darstellern für den jüdischen Geldverleiher Shylock wählen, und das Stück spielt in einem Spielkasino. Beide Ideen sind bei der Premiere am Samstagabend nicht aufgegangen. Zu Beginn ihrer vorletzten Saison rollte die Kugel auf Zero.

Die Bühne von Thilo Reuther zeigt einen großen Kasino-Saal mit Spieltisch, der Rundhorizont lässt an die Skyline von New York denken. Auch die Spielfläche dreht sich wie ein Roulette, das Werben um Portia findet in einer Spieleshow namens Gioco d’Amore mittels Glücksrad statt, und am rechten vorderen Bühnenrand befindet sich ein Spielautomat. Das Leben ein Glücksspiel? Alles nur ein Zeitvertreib einer wohlhabenden, hedonistischen Gesellschaft, die am liebsten unter sich bleiben möchte? Wie passen die Hauptthemen des Stückes, Ausgrenzung und Rechtsprechung, Rache und Gnade hinein? Die Antworten bleibt der etwas über zweistündige Abend schuldig.

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Es beginnt wie im Fernseh-Quiz. Das großteils in glitzernde Abendgarderobe gewandete Ensemble tritt vor das Publikum, Jan Thümer gibt den Moderator und kündigt überfallsartig die Wahlmöglichkeit des Hauptdarstellers an. Keine Begründung, keine Wahlreden, keine Erläuterung der Konsequenzen – lediglich eine Kurzpräsentation: Will man mit Rainer Galke eher einen traditionellen Kapitalisten, mit Sebastian Pass einen konservativen Wiener Juden oder mit Anja Herden eine erfolgreiche Geschäftsfrau mit Migrationshintergrund als Shylock sehen? Und schon ist das Applaus-O-Meter in Stellung gebracht. Wenig überraschend setzt sich Kandidatin Nummer drei durch. Der Premieren-Bankier dieser Aufführung hat die denkbar besten Voraussetzungen zum Outcast: schwarz, Frau, jüdisch.

Schon klar: Jeder bastelt sich sein Vorurteil, jede Zeit ihr eigenes Feindbild, lautet die Botschaft, die jedoch in der Inszenierung in keiner Weise ausgeführt wird. Das Prinzip der Austauschbarkeit kann auch deshalb nicht überprüft werden, weil das Publikum selbst auf ein Auswechseln verzichtet. Vor der Pause und damit vor der großen Gerichtsverhandlung, bei der Shylock auf der Einlösung des Schuldscheins besteht, der ihm ein Pfund Fleisch aus der Brust des Kaufmanns Antonio (der in dieser Konstellation von Galke gespielt wird) zusichert, wird das Publikum erneut vor die Wahl gestellt. Doch wieder siegt Herden.

Markantestes Merkmal ihrer Lady Shylock, die ein unvorteilhaftes, grau-braunes Business-Kostüm tragen muss, ist ihr Dauerrauchen. Sie ist die Spielverderberin in dieser Spaßgesellschaft, in der junge Männer aus reichem Haus ungestraft ihren Ego-Trip ausleben dürfen und auch vor der Ver- und Entführung ihrer Tochter Jessica (Evi Kehrstephan) nicht zurückschrecken. Die problematischen Züge dieses Außenseiters, der sich für erlittene Demütigungen rächen möchte und sich nach dem Verrat rasch von Jessica lossagt („Ich wollte, meine Tochter läge tot zu meinen Füßen und hätte die Juwelen in den Ohren“), werden ebenso wenig vertieft wie der Graben, der seine Welt von jenen trennt, die sich Christen nennen.

Galke gibt den jovialen, stets leicht überheblichen Kaufmann Antonio, Peter Fasching jenen ihm wohl nicht nur freundschaftlich verbundenen Bassanio, der um die Finanzierung seiner Brautwerbung willen Antonio erstmals in Schulden stürzt. Jan Thümer, Sebastian Klein und Nils Hohenhövel sind Spießgesellen, denen die Gefährlichkeit aus den Augen blitzt. Dank der als Rechtsgelehrter verkleideten Portia (Isabella Knöll) siegt die Mehrheitsgesellschaft über die Jüdin, die bereits akribisch das Skalpell vorbereitet: Der Schnitt ist rechtens, doch kein Blut darf vergossen werden! Und Shylock muss erkennen: Rien ne va plus.

„Der Kaufmann von Venedig“ bleibt ein problematisches Stück. Badoras Inszenierung ist ihm nicht beigekommen. Freundlicher Beifall am Ende. Das Applaus-O-Meter wurde nicht mehr eingeschaltet.