Gottes gepeinigte Knechte

Die letzten Christen im türkischen Tur Abdin trotzen Krisen, Not und Repression

Abt Bilecen kommt nach Corona als „Terrorist“ vor Gericht. Im Hintergrund das Kloster Mor Hananyo, eines von vielen Zeugen des Urchristentums im türkischen Osten. © Kirche in Not, Wikipedia/Maksim

Offiziell ist die türkische Welt in Ordnung. Zu Ostern übermittelte Präsident Recep Tayyip Erdogan „allen christlichen Mitbürgern” seine besten Wünsche und pries die „Kultur der Koexistenz auf anatolischem Boden“.

Im vergangenen Sommer hatte Erdogan in Istanbul den medial groß inszenierten Spatenstich für den ersten Neubau einer christlichen Kirche seit 1923 vorgenommen.

Unwirtliche Umstände

Doch es fällt schwer, in solchen Gesten mehr als Imagepolitur zu sehen, solange der Alltag türkischer Christen der einer drangsalierten, binnen 100 Jahren von 20 auf 0,5 Prozent geschrumpften Minderheit ist.

In der Bosporus-Metropole Istanbul mag der Druck tatsächlich weniger spürbar sein, als im anatolischen Hinterland. In der kargen Gebirgsregion Tur Abdin entspricht die Unwirtlichkeit der Natur den politischen Lebensverhältnissen der Christen. Tur Abdin leitet sich aus dem Aramäischen, der Sprache Jesu, ab und bedeutet „Berg der Knechte Gottes“. Dementsprechend ist das Märtyrertum eine Konstante in der Geschichte dieser Christen, deren Ursprung auf die vom Apostel Paulus gegründete Gemeinde im syrischen Antiochia zurückgeht.

Abt vor Terrorprozess

Heute ist die Repression nicht immer so direkt, wie Anfang Jänner, als der syrisch-orthodoxe Abt des Klosters Mor Yakup d’Karno, Sefer Aho Bilecen, vier Tage in Haft verbrachte. Vor zwei Jahren hatten Männer an der Kirchentür Essen erbeten. Der Abt wies sie nicht ab. Erst als er erkannte, dass er Angehörige der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) verköstigt hatte, bat er sie, die Kirche zu verlassen. Die Behörden erfuhren davon, was in eine Anklage wegen „Mitgliedschaft in einer Terrororganisation“ mündete. Der Prozess sollte im März beginnen, wurde aber wegen Corona auf unbestimmte Zeit verschoben.

„Die Menschen aus Tur Abdin sagen mir: So etwas passiert leider alle paar Jahre“ — Slawomir Dadas weiß um die tristen Umstände im Tur Abdin. „Die Christen erleben sich in ihrer Heimat als nicht willkommen und werden immer wieder schikaniert”, so der Generaldechant der Diözese Linz, der als Obmann der „Initiative Christlicher Orient“ (ICO) die Region mehrfach besucht hat und Hilfe für die Menschen dort organisiert.

Enteignungen

Das Gefühl, nicht erwünscht zu sein, hat viele Ursachen. Zum einen schmerzt im kollektiven Gedächtnis das „Jahr des Schwertes“ 1915, als das Osmanische Reich nicht nur den Völkermord an den Armeniern verübte, sondern auch Zehntausende syrisch-orthodoxe Christen massakrierte. Seither sind die Kurden im Tur Abdin die Mehrheit und die Christen zwischen den Fronten: Da ist auf der einen Seite der islamische Staat, dessen Religionsbehörde Diyanet sich 2017 Dutzende syrisch-orthodoxe Kirchen, Klöster und Friedhöfe einverleibt hat. Auf der anderen Seite besetzen kurdische Muslime Häuser von bereits im Ausland lebenden Christen und versuchen sie „rechtmäßig“ in Besitz zu nehmen. „Ein derart Enteigneter sagte, er hätte um seinen Grund kämpfen können, aber den jahrelangen Rechtsstreit könne er sich nicht leisten“, schildert Dadas dem VOLKSBLATT das ungewöhnliche Zusammenspiel zwischen türkischem Staat und kurdischen Besetzern. „Es ist nie so klar, dass definitiv enteignet wurde, aber es läuft darauf hinaus.“

Unbegründete Angst

Auch der Dauerkonflikt zwischen Kurden und türkischer Regierung sowie die Kriege drüben im Irak und in Syrien haben viele Christen vertrieben. Die Bilanz eines Jahrhunderts widrigster politischer und wirtschaftlicher Umstände: Rund 2500 Christen gibt es noch in dem Gebiet, wo vor 50 Jahren 50.000 lebten. Trotzdem gebe es, so Dadas, „Ängste in der Türkei, dass die christliche Gemeinde wieder erblüht, eine Befürchtung, die völlig grundlos ist“.

Unerfüllbare Träume

Die ICO versucht zu helfen, zumindest die Reste des syrisch-orthodoxen Christentums im Tur Abdin vor dem Untergang zu bewahren. „Unser Traum wäre, den Tourismus ein bisschen zu beleben“, sagt Dadas. Viele Kirchen und Klöster aus dem 5. und 6. Jahrhundert wären eine Reise an die Wiege des Christentums wert. Doch auch nach Corona bleibt dies ein unerfüllbarer Traum, solange das Krisendreieck Syrien-Irak-Türkei nicht zur Ruhe kommt. Ein Projekt Dadas’ ist realistischer: Auf Oberösterreichs Weihnachtsmärkten könnten heuer Kunsthandwerksprodukte aus Tur Abdin angeboten werden. Der Erlös wäre jedenfalls eine größere Hilfe als die „besten Wünsche“, die Präsident Erdogan „allen christlichen Mitbürgern“ sicher auch zu Weihnachten übermitteln wird.

Von Manfred Maurer

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