Gottes Wille oder „Betriebsunfall“?

Hubert Wolf: Zölibat – 16 Thesen, Verlag C.H.Beck, 190 S., € 15,40 © C.H.Beck

Von Werner Rohrhofer

Der Zölibat — also die verpflichtende Ehelosigkeit der Priester — gehört in der Katholischen Kirche zu den heiß diskutierten Themen. Nicht nur aber vor allem auch heute, angesichts von Priestermangel und Missbrauchsfällen. Ist der Zölibat Gottes oder Jesu Wille? Oder ein „Betriebsunfall“ der Kirchengeschichte? Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf aus Münster kommt jetzt in einer neuen Publikation zu dem Schluss, dass der Zölibat heute kein Tabu mehr sei und in der Katholischen Kirche über dessen Abschaffung offen diskutiert werden müsse.

Petrus’ Schwiegermutter

Der Kirchenhistoriker blickt, wie es seiner Profession entspricht, bis in die Anfänge des Christentums zurück: „Der Zölibat lässt sich biblisch nicht begründen“. Zumindest einer der Apostel — Petrus nämlich — hatte eine „Schwiegermutter“, wie heute wohl jeder Katholik aus dem Neuen Testament weiß. Auch wenn hier die Ehelosigkeit als besondere Gnadengabe gerühmt wird, kennt das Neue Testament aber keine Vorschrift, die kirchlichen Amtsträgern die Ehe untersagen würde. Im Gegenteil, so Wolf, es sei davon auszugehen, dass die Apostel auf ihren Reisen von ihren „gläubigen Ehefrauen“ begleitet wurden.

Kein Sex vor der Messe

In den folgenden Jahrhunderten allerdings setzte eine allmähliche Einschränkung des Priesterstandes in sexueller Hinsicht ein. Seit dem vierten Jahrhundert sollten verheiratete Priester im Umfeld ihres Altardienstes enthaltsam sein. Dahinter stand die Vorstellung, der Priester sollte die Eucharistie nur mit „reinen Händen“ feiern. Dazu der Kirchenhistoriker: „Als Hauptquelle jeder kultischen Verunreinigung galt aber alles, was irgendwie mit Sexualität zusammenhängt“, auch wenn diese im Rahmen der Ehe gelebt wurde. Der nächste Schritt war die Trennung verheirateter Priester von ihren Frauen, dies mündete beim Zweiten Laterankonzil im Jahr 1139 zur kirchengesetzlichen Festlegung der Ehelosigkeit der Priester.

Das Argument der „kultischen Reinheit“ des Priesters gilt, so der Kirchenhistoriker, heute als überholt, „zur würdigen Feier der Eucharistie sind sexuell enthaltsame Priester nicht nötig“. Und in den katholischen Ostkirchen sind verheiratete Priester eine Selbstverständlichkeit. Ja dort, wo zum Beispiel ein verheirateter evangelischer oder anglikanischer Pfarrer zum Katholizismus konvertiert, kann er mit Dispens aus Rom auch ohne Zölibat zum katholischen Priester geweiht werden.

Gegen Luther

Doch zurück zur Geschichte. Als Folge der Geschehnisse um Martin Luther — dieser heiratete im Jahr 1525 als Mönch eine Nonne — und der Reformation waren es vor allem die Jesuiten, die als Gegenzug zu Luther das Ideal des keuschen zölibatären Priesters propagierten. Bis ins 19. Jahrhundert hinein wurde die Verteidigung der priesterlichen Ehelosigkeit zum Symbol der Papsttreue und Rechtgläubigkeit.

Sorge um kirchliches Erbe

Nicht zu vergessen der ökonomische Aspekt des Zölibats: Kirchliche Amtsträger verfügten in früheren Jahrhunderten über Pfründe, Güter, Grund und Boden. Es war daher zu befürchten, dass Frauen und Kinder der Priester das kirchliche Vermögen erben. Dem sollte durch den Zölibat eine Riegel vorgeschoben werden.

Nun möchte man meinen, so der Kirchenhistoriker, dass die früheren Begründungen für den Zölibat heute nicht mehr gelten. Wolf: „Die negative Sicht der Ehe und die damit verbundene Diffamierung der Sexualität als sündhaft hat das Zweite Vatikanische Konzil in seiner Ehelehre grundsätzlich überwunden“. Vielmehr bilde der Bund der Eheleute den Bund Gottes mit seinem Volk ab, so das Konzil, das von 1962 bis 1965 stattfand. Im Herbst 1965 wollte in der Folge ein Teil der Konzilsväter den Zölibat zumindest infrage stellen. Da schritt Papst Paul VI. ein. „Er verbot den Konzilsvätern kurzerhand, über das Thema in der Konzilsaula auch nur zu reden“ (Wolf).

Risikofaktor Zölibat

Der Kirchenhistoriker schneidet in seinem Buch auch das heikle Thema des Missbrauchs durch Priester an und er kommt zu dem Schluss: „Auch wenn ein kausaler Zusammenhang zwischen sexuellem Missbrauch und Zölibat statistisch schwer zu beweisen ist, lassen zahlreiche vernünftige Argumente den Zölibat als Risikofaktor erscheinen“.

Im Zusammenhang mit dem Priestermangel kritisiert Wolf, dass — mitbedingt durch den Zölibat — den Gläubigen die „heilsnotwendige Eucharistie“ nicht mehr jeden Sonntag zugänglich wird, weil es eben nicht genügend Priester gibt. Hier gehe es auch um die Frage der Weihe von Frauen.

Abschließend zitiert der Kirchenhistoriker Umfragen, zum Beispiel aus Deutschland. Dabei waren 84 Prozent der Katholiken der Meinung, katholische Priester sollten heiraten dürfen.

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