Greißler für einen Tag

Mit ihrer kleinen Greißlerei nach historischem Vorbild im Stüberl des Dorfstadls von Rufling hat sich Eva Bruckböck (80) einen Kindheitstraum erfüllt. Wenn auch nur für einen Tag. Von neun bis 17 Uhr lädt die rührige Pensionistin am 2. Dezember dorthin zum besonderen Weihnachtsmarkt.

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Viel Arbeit hat Eva Bruckböck in ihren kleinen Greißlerladen gesteckt und die Waren selbst zusammengetragen. © Wagenhofer

Text und Fotos: Melanie Wagenhofer

Über dem Eingang prangt ein großes Schild mit der Aufschrift „Gemischtwarenladen“. Flankiert wird es von Metalltafeln, die Waren von einst anpreisen. Leere Milchkannen warten darauf, dass jemand sie gegen frisch befüllte tauscht. Man betritt eine andere, eine Welt aus längst vergangenen Tagen und kommt nicht aus dem Staunen heraus: Unglaublich, was auf ein paar Quadratmetern alles Platz gefunden hat.

Buntes Sammelsurium

Als Schweizer Kind — so nannte man Kinder, die nach dem Zweiten Weltkrieg zum Aufpäppeln in die Schweiz geschickt wurden — stand Eva Bruckböck vor vielen Jahren selbst staunend und mit großen Augen in einer eidgenössischen Greißlerei. Für sie als Not gewohntes Kriegskind das Paradies. „Das habe ich nie vergessen“, erzählt die alte Dame. Und sich von da an auch so einen Laden gewünscht. Jetzt hat sie ihn in vielen Monaten eifriger Arbeit im Ruflinger Dorfstadl eingerichtet — die Budl stammt aus dem Internet und aus Wien — und die Ware von überall her zusammengetragen: „Alles Gegenstände, die man nicht mehr ohne Weiteres kriegt.“ Wie die große alte Waage. Bruckböck war im Mühlviertel unterwegs, sogar bis nach Böhmen, hat Flohmärkte abgeklappert und Hausrat und auch sonst Waren aller Art gekauft. Einiges ist antiquarisch, anderes neu, gehöre aber einfach in eine Greißlerei. „Jeder Greißler hatte drei Nachttöpfe im Laden“, sagt Bruckböck lachend. Manches hat sie aus eigenen Beständen hinzugefügt.
Gleich beim Eintreten fällt der Blick auf die Büchertische. Die ehemalige Buchhändlerin legt Wert darauf, hier Klassiker von gestern zu versammeln: Vom Struwwelpeter über Erich Kästner gibt es einiges zu entdecken. Wirklich alt ist nur wenig davon, etwa „Putiputs Abenteuer“. Aber: Frau Bruckböck freut sich, dass es die Lieblinge der Kinder von einst jetzt auch wieder in Neuauflagen gibt. Sogar alte Schnodahüpfl-Bände mit Liedern über die Liebe werden hier präsentiert ebenso wie Advent- und Bauernkalender. „Das Trapp-Kochbuch ist ganz toll“, preist sie ein Buch an. „Da gelingt jedes Rezept draus auf Anhieb.“ Die kleine grüne Tafel aus Papier habe sie einfach mitnehmen müssen: „So eine hatten wir als Schultafel zum Rechnen und Schreiben, weil im Krieg die Schiefertafeln ausgegangen und zu teuer waren.“ Über den Büchern hängt ein schöner alter Jugendstilrahmen, die bunten Schachteln in den Regalen enthielten Waschpulver und Co..
In der Küchenecke trifft altes Emaille auf Steingut und Porzellan aus den 1930ern und 1940ern. Manches stammt aus der Nachbarschaft, aus den großen Emailleschüsseln hat früher das Gesinde im Schloss Rufling gegessen. Volkskunst ist mit bunt bemalten Serviettenringen und Gläsern vertreten. Manchmal müssen Frau Bruckböck und ihre Helfer sogar darüber diskutieren, was sie da gerade vor sich haben: Etwa bei der Bröselmaschine, mit der man früher selber mechanisch Brösel erzeugt hat. Herrlich praktisch die guten, alten Topfbeserl aus Stroh zum Entfernen von Angebranntem. Sogar ein jüdischer Chanukka-Leuchter findet sich. Besondere Gustostückerl gibt es unter den Häferln: Die Aufschrift Karlsbader weist sie als Gefäße aus, die die Kurgäste zum Befüllen mit heilsamem Wasser verwendeten: Aus dem zarten Schnäbelchen nahm man kleine Schlückchen.
Das Herzstück des kleinen Ladens ist die Budl mit dem Holzrahmen, von dem Knoblauch, Liwanzenpfandl, Erbswurst( die Fertigsuppe aus Kriegszeiten) und Co baumeln. „Mir hat sie nie geschmeckt“, gibt Bruckböck zu. Quitten, Bratäpfel, Lebkuchenmänner und Linde Kaffee sind auf der Theke aufgebaut. Früher konnten sich einfache Leute Bohnenkaffee nicht leisten, deshalb wurde Malz- oder Feigenkaffee getrunken. „Wir haben uns als Kinder immer auf die Figuren, die drin waren, gefreut“, erzählt Bruckböck. In den Laden liegen Süßigkeiten mit Retro-Charakter. Die Schleifen von Bensdorp-Schokolade hat man sammeln und gegen eine neue Tafel eintauschen können.
Weiter geht es in die Spieleecke. Den entzückenden, mindestens 100 Jahre alten „verlassenen“ Bauernhof hat Eva Bruckböck mit zwei Figuren, die Bauersleut‘ darstellen, wiederbevölkert. Kleine Püppchen aus dem Erzgebirge aus der Nazizeit stehen friedlich neben einem Prager Jesukindlein, daneben baumelt der brave Soldat Schwejk als Marionette an der Wand. Puppenkleider warten auf Trägerinnen.
Unter die alten oder neu aufgelegten Teile mischt sich liebevoll gestaltete Handarbeit: entzückende handgenähte Turnbeutel oder praktische Topflappen, Deckerl. Weil ihr niemand Fürfleck, alte Arbeitsschürzen, zur Verfügung stellen wollte, hat Bruckböck kurzerhand selber welche aus altem Stoff genäht.
Vor 25 Jahren wurde der Dorfstadl, der zur Pfarre gehört, von den Ruflingern aufwendig renoviert, vor fünf Jahren dann das dazugehörige Stüberl. Die Räumlichkeiten dürfen für Veranstaltungen genutzt werden und bilden das Zentrum der kleinen Dorfgemeinschaft. Hier wird Theater gespielt, Vereinsleben gelebt, hier setzt man sich regelmäßig zusammen. Auch für ihre kleine Gemischtwarenhandlung hat Bruckböck viel Unterstützung bekommen, nicht nur vom für den Stadl verantwortlichen Helmut Panhölzl. Ein Tischler hat ihr den Aufbau für die Budl gezimmert, ein Nachbar die Ladeneinrichtung in freundlichem Hellblau gestrichen. Die Damen von der Stüberlrunde haben gebacken, gebastelt und viele Dinge zur Verfügung gestellt.

Am 2. Dezember von 9 bis 17 Uhr

Am 2. Dezember sind ab neun Uhr im Schichtbetrieb rund zwei Dutzend Ruflinger als Küchen- oder Verkaufspersonal eingeteilt. Der Erlös kommt einem wohltätigen Zweck zugute. Auf die Besucher warten herrliche Kekse und Bunkel, typische Kuchen aus Großmutters Küche, Brote mit Erdäpfelkas und Grammelfett. Dazu gibt es Glühwein, Kaffee und Tee. Verkauft wird alles, auch die Einrichtung, damit sich Eva Bruckböck fürs nächste Jahr wieder etwas Neues einfallen lassen kann. Ob sie sich denn von allem leicht trennen könne? „Naja, wenn was niemand kauft, behalte ich es.“