Großer Jubel für Rolando Villazons „Barbier“ in Salzburg

Jetzt macht er auch noch Filme. Dass Rolando Villazons Inszenierung von Rossinis „Barbier von Sevilla“ zur Eröffnung der Salzburger Pfingstfestspiele keine normale Operninszenierung werden würde, war von vornherein klar. Doch wie sehr er seine offensichtlich große Liebe zum alten Hollywood darin zeigen würde, das war überraschend. Das Publikum brachte das bei der Premiere am Freitag jedenfalls zum Lachen und Jubeln.

Es gibt massenweise Opern, die verfilmt wurden, aber Filme, die sozusagen „veropert“ wurden? Villazon hat genau das gemacht. Dreh- und Wendepunkt seiner Inszenierung ist ein großes Filmstudio der 1930er Jahre, in dem der Requisiteur Arnoldo arbeitet und, wenn er unbeobachtet ist, Filme schaut, die er mit einem Projektor an eine große Häuserkulisse (Bühne Harald Thor) wirft. Dargestellt wird er von Verkleidungskünstler Arturo Brachetti, in dem Villazon einen meisterhaften Ausführer seiner clownesken Ideen gefunden hat. Freilich gibt es diesen Arbeiter bei Rossini nicht, die Rolle hat sich Villazon selbst ausgedacht, um damit ein Bindeglied zu schaffen, das die echte mit der Filmwelt verbindet, oder sie besser gesagt erst öffnet.

Die Idee, dass Filmfiguren in die reale Welt kommen, ist freilich nicht neu, aber die Umsetzung dafür sehr sauber. Immer wieder treten Filmfiguren, die zuerst nur auf der Leinwand in einem mexikanischen Saloon oder einem klassischen Wohnzimmer saßen, aus der Kulisse auf die Bühne. Dieses Vorgehen bestaunt Arnoldo zuerst beeindruckt, bis ihm das gesamte Kostümlager des Studios zum Ende des ersten Aktes wortwörtlich um die Ohren fliegt und vom Wikinger bis zum Samurai sämtliche Kriegsfilmgestalten aus der Leinwand strömen. Da hilft nur noch eines: wortwörtlich den Stecker ziehen und dem Spektakel ein Ende setzen.

Zitate überall. Wenn solche aus der Stummfilmzeit und der Goldenen Ära Hollywoods nicht sichtbar sind, dann sind sie dank Gianluca Capuano und den Musiciens du Prince – Monaco hörbar. Ganz heimlich schleichen sich immer wieder Scores aus „Der Pate“ oder „In the Summertime“ in die ansonsten sehr farbenfrohe, allem voran aber beweglich und tempovoll dirigierte Rossini Partitur. Villazon lässt keine Gelegenheit aus, solche Anspielungen und Zitate mal mehr, mal weniger sinnvoll in seiner Regie zu platzieren. Das hat einerseits den Vorteil, dass sich an diesem knapp vierstündigen Abend immer irgendwo etwas rührt und die mitunter sehr statischen Rezitative Rossinis überaus kurzweilig werden. Zum anderen hat es aber den Nachteil, dass die Aufmerksamkeit auf die wunderbar rustikal und warm klingende Musik des Orchesters mit seinen Originalinstrumente bei dem ganzen Überangebot an Eindrücken vollkommen in den Hintergrund gerät.

Den Sängerinnen und Sängern kann das nicht passieren. Das Ensemble um Pfingstfestspielchefin Cecilia Bartoli glänzt gesanglich wie darstellerisch und hat dabei sichtbar diebischen Spaß. Villazon gelingt es, selbst aus einem eher auf Frauenhelden geparkten Ildebrando D‚Arcangelo einen ulkigen Nosferatu zu machen, an dem nur noch D‘Arcangelos sinistre und voluminöse Tiefen furchteinflößend sind, während er als Basilio mit Monsterhänden den gesamten Gläserbestand von Bartolos Bar durch die Gegend schubst. Exzellent besetzt ist auch Edgardo Rocha als junger Graf Almaviva, der in seinen Höhen geradezu vor Kraft und Liebestollheit strotzt. Zuerst als Zorro, später als herrlich alberner Don Camillo. Als er im zweiten Akt mit Nicola Alaimo als Figaro ins Haus des Bartolo einsteigen will, kommen unweigerlich Assoziationen mit „Dick und Doof“ auf. Alaimo alleine ist insgesamt ein sehr liniengenauer, zuweilen etwas stark polternder Barbier.

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Und die Bartoli? Die kann es immer noch! Als Rosina gelang ihr einst neunzehnjährig in Rom der internationale Durchbruch. Dass sie diese Rolle nun nicht mehr wie damals singen würde, versteht sich von selbst. Aber auch als reife Frau ist Bartoli immer noch eine ausgezeichnete Rosina, die ihre schimmernden und federleichten Koloraturen und technisch exzellenten Registerwechsel gekonnt ausspielt und – wie eigentlich immer in ihren Pfingstopern – die Männer fest im Griff hat. In der Programmankündigung schrieb sie, dass dies vielleicht das letzte Mal sein könnte, dass sie die Rolle singt. Sollte sich das bewahrheiten, bliebe sie damit jedenfalls in bester Erinnerung.

Diese explosive Mischung an krachenden Figuren und Effekten, eingepackt in die zauberhaften Kostüme von Brigitte Reifenstuel bringt das Publikum schon vor dem großen Schlussapplaus zum Klatschen und Jubeln. Auch wenn Villazon nicht jeden noch so kleinen Einfall auf der Bühne hätte umsetzen müssen, um einen Erfolg mit seiner ersten Festspielinszenierung zu landen. Aber um es mit einem weiteren Filmtitel, bzw. dem Untertitel des Biopics „Liberace“ aus dem Jahr 2013 zu sagen: „Zu viel des Guten ist wundervoll!“

(S E R V I C E – Gioachino Rossini: „Il Barbiere di Siviglia“ bei den Salzburger Pfingstfestspielen. Regie: Rolando Villazon, Musikalische Leitung der Musiciens du Prince – Monaco: Gianluca Capuano, Bühne: Harald B. Thor, Kostüme: Brigitte Reiffenstuel. Mit Edgardo Rocha – Il Conte d‚Almaviva, Alessandro Corbelli – Bartolo, Cecilia Bartoli – Rosina, Nicola Alaimo – Figaro, Ildebrando D‘Arcangelo – Basilio, Rebeca Olvera – Berta, José Coca Loza – Fiorello, Max Sahliger – Ambrogio, Manfred Schwaiger – Domenico La Forza, Arturo Brachetti – Arnoldo. Weitere Aufführung am 5. Juni. )

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