Großes Feuer, an dem sich niemand wärmte

Musical „Vincent Van Gogh“ als österreichische Erstaufführung am Gmundner Stadttheater

Der Meister im Farbenrausch, ehe er endgültig am Leben verzweifelt: Yngve Gasol Romdal (Mitte) als Van Gogh.
Der Meister im Farbenrausch, ehe er endgültig am Leben verzweifelt: Yngve Gasol Romdal (Mitte) als Van Gogh. © Rudi Gigler

Ausnahme! Jahrhundert! Genie! Vincent van Gogh (1853 – 1890) kann sich posthum nicht gegen dieses überstrapazierte Geheul wehren.

Sein „Feuer, an dem sich keiner wärmte“ zerstörte ihn. Kein Mensch kaufte ihm zu Lebzeiten jene Bilder ab, um die sich heute die berühmtesten Museen, die reichsten Menschen der Welt reißen. Ein Leben, wert, dramatisiert und vertont zu werden.

Das Musical „Vincent van Gogh“ feierte kürzlich Premiere im Stadttheater Gmunden. Ein „Musicalfrühling“ im Herbst, als Neubeginn nach zwei verschobenen Uraufführungen der norwegischen Produktion von Gisele Kverdokk (Musik) und Oysteijn Wiik (Buch).

Tausende Briefe verfasste Vincent Van Gogh, die meisten an seinen Bruder Theo. In einem Lied erklärt Jesper Tyden die unverbrüchliche Bruderliebe. Entlang dieser Briefe entwickelt sich die Geschichte vom bürgerlichen Elternhaus bis zum frühen Tod durch Suizid. Ein Leben, das zwar nur 37 Jahre dauerte, aber eine Unzahl von prägenden Episoden und einzelnen Ereignissen birgt.

Verkannt, verarmt, verzweifelt, getrieben, um die Kunst und sich selbst ringend, am Rande des Wahnsinns. Yngve Gasol Romdal als Hauptdarsteller bleibt ohne Pathos und Klischee ganz nah an der Biografie. Im „Vorhof der Hölle“, den Kohlebergwerken, lernt Vincent „Vergessen beim Zeichnen“. Er scheitert als Pastor. Seine „wahre Liebe“ weisen bürgerliche Frauen ab. Er findet sie bei der Hure Sien. Elisabeth Sikora spielt all diese Frauen, berührt tief als illusionslos Liebende.

Leuchtender Höhepunkt

Lieder ohne Hit-Anbiederung tragen Handlung und Gefühle. Sparsame Choreografien von Amy Share-Kissiov, die adaptierte Fassung von Elisabeth Sikora und Regisseur Markus Olzinger führt in das Innenleben des Künstlers. Sechs Darsteller und Darstellerinnen erscheinen in vielen Rollen. Meimouna Coffi und Judith von Orelli decken das weite Feld der Damen aus besserer Gesellschaft ab. Übertriebene Lautstärke stört gelegentlich, passt aber zur überbordenden Schaffensperiode in Arles.

Einer der Höhepunkte, die Bühne von Markus Olzinger, spielt aus, worauf das Publikum fast zwei Stunden wartet. Die weiß schwebenden Leinwände füllen sich mit den bekanntesten Werken (Visual Arts: Jürgen Erbler, Jan Schütz), im Hintergrund leuchten die berühmten Farben. Das Orchester im Treppenhaus greift in die Vollen. Die musikalische Begleitung, im Vorfeld aufgenommen, erscheint in Projektion.

„Eine Symphonie der Selbstverachtung“ zeigt das Selbstporträt des Meisters. Ohr abschneiden. Selbstmord. Die Inszenierung geht in die Tiefe, das Publikum beeindruckt. Heftiger Applaus.

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