H.C. Artmann wäre 100: Sprachartist und Bürgerschreck

„Bohemien und Bürgerschreck“, nennt Michael Horowitz die Neuauflage seines Buches über H.C. Artmann, „ich bin abenteurer und nicht dichter“, heißt das ebenfalls wieder aufgelegte Gesprächsbuch von Kurt Hofmann über den Autor, dessen Geburtstag sich am heutigen Samstag zum 100. Mal jährt. Diese Bandbreite war charakteristisch. Der am 4. Dezember 2000 Verstorbene, an den nun viele Veranstaltungen erinnern, war eine der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten der Nachkriegszeit.

In Ö1 kann man sich Artmann heute sowie am morgigen Sonntag noch mehrmals hörend nähern: So singt in „Le week-end“ (13.00 Uhr) Helmut Qualtinger „Schwarze Lieder“ und trifft dabei auf Tom Waits. Ab 14 Uhr ist im „Ö1 Hörspiel“ in Artmanns „Um zu tauschen Vers für Kuss“ Erwin Steinhauer mit seinen musikalischen Reisebegleitern Joe Pinkl, Georg Graf und Peter Rosmanith zu hören. Das Klangbuch dazu erscheint im Mandelbaum Verlag. Ab 22.20 Uhr liest Anne Bennent in „Nachtbilder – Poesie und Musik“ aus Artmanns „Von denen Husaren und anderen Seil-Tänzern“. Am morgigen Sonntag steht in „Du holde Kunst“ (8.15 Uhr) eine Aufnahme aus den späten 1980ern auf dem Programm: H.C. Artmann liest Gedichte aus „med ana schwoazzn dintn“. Und am 16. Juni (14.05 Uhr) sind im „Ö1 Konzert“ Kurt Schwertsiks Lieder nach H.C. Artmann zu hören. Eine Geburtstagsveranstaltung, bei der es buchstäblich Granada spielt, steht heute im Radiokulturhaus auf dem Programm: Bei „Granada feiern 100 Jahre H.C. Artmann“ lädt die Neo-Austropop-Formation Granada Freunde und Gäste ein, mitzufeiern und Interpretationen von H.C. Artmann zu präsentieren. Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr und ist auch als Video-Livestream auf radiokulturhaus.ORF.at zu sehen.

Einen „lebendigen Eindruck in Artmanns literarische und persönliche Welt“ möchte ein „unsichtbares Museum“ geben, das heute um 17 Uhr im H.C.-Artmann-Park (Wien 14, Schützplatz) eröffnet. Für die Dauer eines Jahres soll mittels akustischer Botschaften von hochkarätigen Künstlern, Weggefährten, Zeitzeugen und Parkbesuchern ein zwölf Stationen umfassender Themen-Park geschaffen werden, der mit dem Smartphone abrufbar ist. Bereits eröffnet ist die Schau „Recht herzliche Grüße vom Ende der Welt“ der Wienbibliothek, die sich anlässlich des 100. Geburtstags des Dichters der Bedeutung des Reisens in dessen Leben und Werk widmet. Wer Artmann lieber hören will, kann sich auf der Website der Österreichischen Mediathek sowohl Lesungen des Autors als auch Interview anhören.

Er war ein Spötter und Zyniker, gleichzeitig vollendeter Gentleman und unverbesserlicher Romantiker. Er war Deserteur im Krieg und Kämpfer für die Kunst, Sprachartist und Übersetzer, Dramatiker und Mundartdichter, mitfühlender Kollege und Ansprechpartner für viele. „In verschiedensten Rollen hat er Spiegelbilder der Gesellschaft vorgelebt, die aufzeigen sollten, welche Funktionen wir in der Gesellschaft einnehmen“, sagt seine Witwe Rosa Artmann-Pock in Horowitz‚ Buch. „Das war sein gelebtes politisches Manifest. Er war ein Menschenliebender und hat versucht, Hierarchien nicht nur zu unterwandern, sondern sie auch aufzuzeigen.“

Als Sohn eines Schuhmachermeisters wurde Hans Carl Artmann am 12. Juni 1921 in Wien geboren. Aufgewachsen im Donaustädter Bezirksteil Breitensee, lernte er das Leben des Wiener Bürgertums der Vorkriegszeit kennen. Mit 19 Jahren wurde Artmann zur Wehrmacht eingezogen, nach einer Kriegsverletzung verbrachte er zweieinhalb Jahre in einer Strafkompanie und geriet er 1945 in Gefangenschaft – wo er zu schreiben begann. Vor allem lyrische Texte, weit entfernt von den Dialektgedichten der späteren Jahre, kennzeichneten das Frühwerk Artmanns, das erst 1970 unter dem Titel „Das im Walde verlorene Totem. Prosadichtung von 1949 bis 1953“ erschien.

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Legendär sind die Auftritte der 1952 von Friedrich Achleitner, Konrad Bayer, Gerhard Rühm, Oswald Wiener und ihm gegründeten „Wiener Gruppe“, die mit ihren Lesungen und Performances für (nicht nur künstlerischen) Aufruhr sorgte und den Surrealismus in Österreich in die Literatur und auf der Bühne einführte. Zum Ruf Artmanns trugen auch seine ungewöhnlichen Arbeitszeiten bei: Er schrieb seine Texte vorzugsweise zwischen drei und sechs Uhr früh, nachdem er diese mit seinen Mitstreitern diskutiert hatte.

Erfolg und allgemeine Anerkennung wurde Artmann allerdings erst 1958 mit der Veröffentlichung des Gedichtbands „med ana schwoazzn dintn“ zuteil. Plötzlich stand der lange Zeit geschmähte Künstler im Rampenlicht, seine vorangegangenen Werke in Hochsprache waren plötzlich vergessen. Artmann, für den die Dialektdichtung eigentlich nur ein Experiment darstellte – er wollte die gesprochenen Worte so zeichnen, wie sie sind, eine bisher ungeschriebene Sprache sicht- und lesbar machen – wurde fortan als Mundartdichter apostrophiert. „Die ‘dintn’ war ein Experiment, wie man Dialekt literarisieren kann, in einer Form, dass sich das sogenannte Volk darin emotional erkennt“, sagt Pock-Artmann.

In den 1960ern lebte Artmann zeitweise in Berlin und in Schweden. In seinem schwedischen Tagebuch „Das suchen nach dem gestrigen tag“ nahm er schon 1964 die autobiografisch ausgerichtete Literatur der späten 70er-Jahre vorweg. Garcia Lorca und Gomez de la Serna gehörten in den späten 40er-Jahren zu den ersten Autoren, die der Sprachvirtuose ins Deutsche übertrug. „Übersetzen“ bedeutete für Artmann stets ein Weiterdichten, ein Öffnen neuer literarischer Türen. So war der angeblich so bodenständige Mundartpoet gleichzeitig ein Kenner vieler verschiedener Sprachen, was Übersetzungen aus dem Dänischen, Englischen, Französischen, Niederländischen, Schwedischen und Spanischen zeigen. Mit großem Enthusiasmus arbeitete H. C. Artmann bis zuletzt an Goldoni-Übersetzungen. Sein erfolgreichstes Stück wurde aber seine Bearbeitung von Kleists „Der zerbrochne Krug“.

Mittelalterliche Balladen und barocke Lyrik inspirierten ihn ebenso wie Comics und Schauerromane. 1999 erschien seine Übertragung eines Asterix-Bandes ins Wienerische: „Da Leigionäa Asterix“. Eines der letzten abgeschlossenen Projekte im reichen Schaffen von H.C. Artmann war sein Libretto zu der Kinderoper von H. K. Gruber „der herr norrrdwind“.

Als Mitglied des österreichischen Kunstsenats, als langjähriger Förderer der Grazer Autorenversammlung und als Mentor junger Autoren pflegte Artmann den Kontakt zum literarischen Nachwuchs. Ab 1972 lebte er in Salzburg und Wien und engagierte sich nachhaltig für die Gründung des Salzburger Literaturhauses, während er in Wien Christian Ide Hintzes „Schule für Dichtung“ unterstützte. 1995 geriet Artmann, der u.a. mit dem Großen Österreichischen Staatspreis (1974) und dem Georg-Büchner-Preis (1997) ausgezeichnet wurde, in die Schlagzeilen, als FPÖ-Chef Jörg Haider ihm im Zusammenhang mit Steuerschulden vorwarf, sein „Geld beim Branntweiner gelassen zu haben“. Daraufhin bildete sich ein Komitee, das zum 75. Geburtstag des Poeten ein „Fest für H. C.“ veranstaltete. Im Jänner 2000 hatten Freunde und Kollegen (darunter Peter Turrini, Otto Schenk, Helmuth Lohner und H.K. Gruber) im Theater in der Josefstadt einen „Salut für H.C.“ ausgerichtet. Bei der Abschiedsfeier in der Feuerhalle Simmering hielten Peter Rosei und Klaus Reichert die Reden.

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