„Habe meine ÖVP nie als konservativ erlebt“

Christine Haberlander ist die erste Landeshauptmann-Stellvertreterin in Oberösterreich

LH Thomas Stelzer gratuliert seiner Stellvertreterin Christine Haberlander. Die 37-jährige Ennserin ist seit eineinhalb Jahren in der Landesregierung für Gesundheit, Bildung und Frauen zuständig. Sie stehe für „Zuhören, Dialog, Respekt, Toleranz und Offenheit“, sagte sie nach ihrer einstimmigen Wahl durch die OÖVP-Landestagsfraktion.Seit gestern führt Markus Achleitner auch den Taktstock im Wirtschaftsressort des Landes OÖ.
LH Thomas Stelzer gratuliert seiner Stellvertreterin Christine Haberlander. Die 37-jährige Ennserin ist seit eineinhalb Jahren in der Landesregierung für Gesundheit, Bildung und Frauen zuständig. Sie stehe für „Zuhören, Dialog, Respekt, Toleranz und Offenheit“, sagte sie nach ihrer einstimmigen Wahl durch die OÖVP-Landestagsfraktion. © Land OÖ/Liedl

In den 100 Jahren seines Bestehens wurden im oberösterreichischen Landtag 24 Mal Männer zu Stellvertretern des Landeshauptmannes gewählt. „Nach Einführung des Frauenwahlrechts wurde in dieser Frage nicht unmittelbar gleich aus der Hüfte geschossen“, kommentierte Christine Haberlander den Umstand, dass sie im 101. Jahr des Landtages seit Donnerstag die erste Frau in dieser Funktion ist. Sie wurde in die Funktion der Landeshauptmann-Stellvertreterin ebenso einstimmig von den 21 OÖVP-Mandataren gewählt wie Markus Achleitner zum Wirtschaftslandesrat.

Begonnen hatte für die beiden der denkwürdige Tag freilich nicht erst mit der Wahl im Landtagssitzungssaal, sondern vor dem Landhaus. Dort waren die Blasmusikkapellen aus Enns — für Haberlander — und Neukirchen bei Lambach — für Achleitner — mit klingendem Spiel aufmarschiert, begleitet von Delegationen aus den Heimatorten, die dann auch im Saal die Wahl kräftig akklamierten.

LH Thomas Stelzer streute beiden verbale Rosen: „Mehr als goldrichtig“ sei schon die Entscheidung für Haberlander als Landesrätin für Gesundheit, Bildung und Frauen gewesen, Achleitner wiederum „braucht nicht zu beweisen, dass er Wirtschaft kann“.
Es sei „eine große Ehre, für Oberösterreich als erste Landeshauptmann-Stellvertreterin arbeiten zu dürfen“, so Haberlander. Sie möchte nie den Blick darauf verlieren, „dass wir im Kern eigentlich nur deshalb hier zusammenkommen, um die ganz konkreten Anliegen und Sorgen der Menschen nicht nur zu hören, sondern um täglich darum zu ringen, gute Antworten zu finden“. Achleitner will seine Arbeit unter die Generalfrage stellen: „Wie muss unser Land im Jahr 2030 sein?“ Er wolle mit „Herz, Hirn und voller Leidenschaft“ dafür arbeiten, dass man dann sagen könne: „Oberösterreich steht gut da“.

Interview: Mit CHRISTINE HABERLANDER sprach Markus Ebert

VOLKSBLATT: Sie sind jetzt Landeshauptmann-Stellvertreterin: Bloß ein Titel oder Aufstieg in der politischen Hierarchie?

HABERLANDER: Das ist etwas ganz Besonderes. Die Stellvertretung des Herrn Landeshauptmannes ist eine unglaubliche Verantwortung.

Ist man eine Pionierin in Sachen Gleichstellung, wenn man die erste LH-Stellvertreterin in OÖ ist?

Nach 100 Jahren Frauenwahlrecht und 100 Jahren Landtag die erste LH-Stellvertreterin zu sein, ist schon eine außergewöhnliche Rolle. Es ist auch ein außergewöhnliches Zeichen, das LH Thomas Stelzer setzt, wenn er als erster eine Frau zu seiner Vertretung ernennt.

Heißt das im Umkehrschluss, dass die konservative ÖVP gar nicht mehr so konservativ ist?

Ich habe meine ÖVP nie als konservativ im Sinn von ,in alten Mustern verharrend’ erlebt. Die ÖVP verändert sich. Frauen bekommen immer mehr Führungsfunktionen, mit Helena Kirchmayr haben wir etwa eine großartige Klubobfrau.

Trotzdem: Die Mehrheit der Bevölkerung ist weiblich — warum bildet das die Politik bei den Funktionsträgern immer noch nicht ab?

Das wird. Die Anzahl der Gemeinderätinnen, der Bürgermeisterinnen und der weiblichen Abgeordneten nimmt zu, und das ist auch gut so. Wir wissen, dass auch so viele Frauen in der ÖVP engagiert sind — in den Bünden oder anderen Organisationen, und auch in den Gemeinden ist die ÖVP von ganz vielen Frauen getragen. Das zeichnet die ÖVP auch aus. Es braucht aber noch mehr Mut bei den Frauen, sich politische Funktionen zuzutrauen und Verantwortung anzunehmen.

Als an Sie die Frage herangetragen wurde, als Landesrätin in die Politik zu gehen — war Ihnen da sofort klar, sich das zuzutrauen und das anzunehmen?

Mir war sofort klar, dass ich es machen möchte, habe mir aber schon die Zeit genommen, das zu reflektieren und mit meiner Familie zu besprechen. Das muss man gemeinsam entscheiden und beschließen, weil so ein Schritt Auswirkungen auf das persönliche Umfeld hat.

Sie sind jetzt eineinhalb Jahre Mitglied der Landesregierung: War es so, wie erwartet?

Ich hatte das Glück, dass ich den Ressortbereich Gesundheit schon sehr gut gekannt habe, und auch die Abgeordneten, den Ausschuss und den Landtag, ich habe also gewusst, was es an formalen Abläufen gibt. Trotzdem ist es etwas ganz anderes, wenn man dann aktiv in der ersten Reihe steht. Da waren viele Erfahrungen dabei, aus denen ich gelernt habe.

Zum Beispiel?

Wenn man unterwegs ist, werden einem Sorgen und Anliegen anvertraut, die man mitnimmt, um sie auch zu lösen. Erstmalig zu erleben, dass man auch diskutierte Entscheidungen treffen muss, bedeutet auch einen Lerneffekt. Es gibt aber immer noch Momente, in denen ich nervös bin oder ein Bauchkribbeln verspüre — aber es ist auch gut so, wenn man nicht einfach zur Tagesordnung übergeht weil man glaubt, schon alles gesehen zu haben.

Michael Strugl hat in seiner Abschiedsrede am Mittwoch im Landtag Ingeborg Bachmann zitiert, wonach die Wahrheit den Menschen zumutbar sei. Wieviel Wahrheit kann man als Politikerin den Wählerinnen und Wählern tatsächlich zumuten?

Ich unterstreiche dieses Zitat zu hundert Prozent. Es muss eine Transparenz der Information geben, Problemlagen müssen offen diskutiert werden. Es ist weder der Politik dienlich noch den Menschen, die wir als Politiker ja vertreten, wenn wir mit Halbwahrheiten oder unterlassenen Informationen agieren.

Sie sind zuständig für Bildung, Gesundheit und Frauen: Wo liegen da die Wahrheiten?

Eine Wahrheit in der Gesundheit ist, dass wir uns noch mehr der Patientenlenkung und -begleitung widmen müssen, da ist die Herausforderung, dass der Patient zur richtigen Zeit am richtigen Ort behandelt wird. Im Bildungsbereich brauchen wir ein gerütteltes Maß an Zusammenarbeit mit der Wirtschaft, um die Menschen gut für die Herausforderungen der Arbeitswelt auszubilden. In der Frauenpolitik ist eine Wahrheit: Geht arbeiten und seid finanziell unabhängig.

Gibt es einen roten Faden, der die Bereiche Gesundheit, Bildung und Frauen verbindet?

Ja — dass ich nämlich den Menschen in meinem Tun in den Mittelpunkt stelle. Aber es soll nichts von oben verordnet werden, ich habe einen partizipativen Politikzugang.

Die MeToo-Debatte hat auch die Politik erreicht. Waren Sie als Politikerin schon einmal mit sexistischen Äußerungen konfrontiert?

Wir wissen, dass jede dritte Frau mit Gewalt im Netz konfrontiert ist. Auch bei mir gibt es Postings, die etwa mein Äußeres kritisieren. Ja, sexistische Äußerungen kommen vor.

Oberösterreichs jüngster Bürgermeister ist 22, der Bundeskanzler 32, die erste oberösterreichische LH-Stellvertreterin 37: Haben in der Politik jetzt die Jungen das Sagen?

Im Vergleich zum Bürgermeister bin ich schon wieder alt (lacht herzhaft). Im Ernst: Daran sieht man ganz gut, dass die Junge ÖVP viel Potential hat. Der Landeshauptmann war immerhin auch einmal JVP-Landesobmann —und ist jung geblieben.

Wo sehen Sie sich beruflich, wenn Sie Ihr gesetzliches Pensionsantrittsalter erreicht haben?

Ich arbeite gerne und hoffe, noch möglichst lange arbeiten zu dürfen. Aber das wichtigste ist mir, dass ich dann gesund bin.

Und die berufliche Option?

Jetzt bin ich einmal bis 2021 gewählt und werde bis dahin mein Bestes geben.

Zeitlich kürzer gedacht: Feilen Sie schon am Neujahrsvorsatz?

Das ist der all-time-Klassiker: Mehr bewegen.

Merkt man als Politikerin etwas von der angeblich stillsten Zeit des Jahres?

Nach dem Budgetlandtag wird es etwas ruhiger. Es gibt schon ein bewusstes sich Zeit nehmen, mit der Nähe zu den Feiertagen wird es auch terminlich ruhiger.

Punsch oder Glühwein?

Beides.

Können Sie an einem Keksteller vorbeigehen, ohne zuzugreifen?

Unmöglich.

Ihr Lieblingskeks?

Ich möchte kein Keks diskriminieren.