Halle: Neonazi plante Massaker an Juden

Synagogen-Tür rettete vielen Menschen das Leben — Zwei Todesopfer — 27-Jähriger vor Terroranklage

„Ein Tag der Scham und der Schande“: Bundespräsident Steinmeier (2. v. l.) vor der Synagoge, deren Eingangstür die jüdische Gemeinde vor einem Massaker bewahrt hat.
„Ein Tag der Scham und der Schande“: Bundespräsident Steinmeier vor der Synagoge, deren Eingangstür die jüdische Gemeinde vor einem Massaker bewahrt hat. © AFP/Schmidt

Der Angreifer von Halle an der Saale hat ein „Massaker“ an Juden geplant. Der 27-jährige Stephan B. sei zur Synagoge gegangen, „um zahlreiche Menschen zu töten“, sagte Generalbundesanwalt Peter Frank am Donnerstag. „Was wir gestern erlebt haben, war Terror.“ Der Rechtsextremist habe bei seiner Tat neben selbstgebauten Waffen in seinem Auto vier Kilogramm Sprengstoff gehabt.

Nach Angaben der Ermittler sei er „tief durchdrungen von einem erschreckenden Antisemitismus“ und geprägt von Fremdenhass und Rassismus. B. wollte mit seiner Tat „weltweite Wirkung erzeugen“ durch das live ins Internet übertragene Tatgeschehen und seine Pläne, die er zuvor im Internet verbreitet hatte. Er habe sich dabei „in der Tradition vergleichbarer Attentäter“ gesehen, etwa von jenem im neuseeländischen Christchurch, sagte Frank.

Dass B.’s Verbrechen weniger blutig endet als jenes in Christchurch, wo ein Rechtsextremist im März 51 Muslime erschossen hatte, ist der schweren Tür am Eingang der Synagoge zu verdanken: B. wollte das Schloss aufschießen, was ihm aber nicht gelang. Daraufhin schoss er auf der Straße einer Passantin in den Rücken. Sie stirbt. Danach erschoss B. in einem Döner-Imbiss einen jungen Mann. Im 15 Kilometer entfernten Landsberg konnte ihn die Polizei dann stellen. Er wurde angeschossen, ist aber vernehmungsfähig.

Steinmeier: „Tag der Scham und der Schande“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte gestern nach einem Besuch der Synagoge in Halle, „dieser Tag ist ein Tag der Scham und der Schande“. Und: „Wer jetzt noch einen Funken Verständnis zeigt für Rechtsextremismus und Rassenhass (…), wer das rechtfertigt, der macht sich mitschuldig.“ Kanzlerin Angela Merkel forderte, alle Mittel des Rechtsstaats zu nutzen, „um gegen Hass, Gewalt und Menschenfeindlichkeit vorzugehen“.

Die jüdische Gemeinde in Halle beklagte unzureichenden Polizeischutz der Synagoge, wo am Mittwoch mit Jom Kippur der höchste Feiertag begangen wurde. Auch, dass die Polizei erst 15 Minuten nach dem Notruf am Tatort war, sorgt für Kritik. Für den Chef der Polizeigewerkschaft, Oliver Malchow, „zeigt dieser Fall, wie dünn die Personaldecke der Polizei ist“. Man könne „nicht alles vorhersehen und verhindern.“


 

Täter: „Bin ein Loser“

Stephan B, der mutmaßliche Mörder von Halle, dürfte selbst nicht viel von sich gehalten haben — worin auch eine Erklärung für das Unfassbare liegen könnte: In dem Video, das er während seiner Taten mit der Helmkamera aufgezeichnet und live ins Internet gestreamt hatte, kommt nicht nur seine kaltblütige Lust am Töten zum Ausdruck, sondern auch ein offenbar schwer gestörtes Selbstwertgefühl. Er sagt immer wieder auf Englisch, dass er ein „Loser“ (Verlierer) sei.

B. sieht sich in der Rolle einer „Internet-SS“ und offenbart damit seine neonazistischen Beweggründe. Aus dem Video geht auch klar hervor, dass es ihm darum ging, Juden umzubringen.

Nach den Worten seines Vaters war Stephan B. ein Eigenbrötler, der häufig vor dem Computer saß. Die Bild-Zeitung zitierte den Vater mit den Worten: „Er war weder mit sich noch mit der Welt im Reinen, gab immer allen anderen die Schuld.“ Der 27-Jährige habe kaum Freunde gehabt und stattdessen viel Zeit im Internet verbracht.

Auch am Tag danach war das Video gestern im Internet noch abrufbar, obwohl es die Plattform Twitch, über die B. das Grauen übertragen hatte, gelöscht hat. Dem Unternehmen zufolge verfolgten nur fünf Nutzer die Tat live, rund 2000 weitere schauten sich später eine Aufzeichnung an. Allerdings wurde das Video auf anderen Plattformen im Internet weiterverbreitet.


 

„Wir sind in Österreich sicher“

„Wir sind in Österreich sicher“, sagt der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien (IKG), Oskar Deutsch, am Tag nach Halle. Er verweist auf die gute Kooperation mit den Sicherheitsbehörden und hohe eigene Ausgaben für Sicherheit.

So gebe die IKG drei Millionen Euro oder 23 Prozent ihres gesamten Budgets für Sicherheitsmaßnahmen aus. Dies sei auch notwendig, weil Eltern Kinder sonst nicht in jüdische Schulen geben oder Synagogen nicht besucht würden. „Das ist die traurige Realität.“

Im Fall Halle hält Deutsch es für einen „Skandal“, dass eine Synagoge zum jüdischen Feiertag Jom Kippur nicht gesichert werde. Der IKG-Präsident lobt diesbezüglich Österreichs Sicherheitsbehörden. Diese wüssten „haargenau“, was zu tun sei.

Ariel Muzicant, Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC), machte gegenüber der „Presse“ jenen mitverantwortlich für die jüngste Tat, die rechtsextremes Gedankengut verbreiten: „In Deutschland die AfD, in Österreich einige Herrschaften in der FPÖ, Burschenschafter, die Identitären.“

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