„Halter ist oft die Schwachstelle“

Experte Gerald Koller über Hundebisse, Listenhunde und geplante gesetzliche Verschärfungen

Gerald Koller beim Training mit einem ehemaligen Problemhund.
Gerald Koller beim Training mit einem ehemaligen Problemhund. © privat

VOLKSBLATT: Nach Hundebissen mit schweren Verletzungen soll das OÖ Hundehaltegesetz novelliert werden. Wo besteht aufgrund Ihrer langjährigen Erfahrung Handlungsbedarf?

KOLLER: Grundsätzlich ist Prävention, also das, was auf den künftigen Hundebesitzer zukommen wird, ein wichtiges Fundament. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen würden derzeit, was Aufklärung (allgemeine Sachkunde) und Orientierung vor der Anschaffung eines Hundes betrifft, ausreichen. Meine Erfahrung zeigt aber, dass sich zwei Drittel der Hundebesitzer, noch bevor sie die allgemeine Sachkunde (dreistündige Theorieunterweisung durch einen Tierarzt und Hundetrainer) absolviert haben, einen Vierbeiner anschaffen und bei den Gemeinden anmelden.

Soll der Zugang zu bestimmten Hunderassen (Listenhunde) erschwert werden – Stichwort Hundeführerschein – bzw. welche Voraussetzungen sollte man für den Erwerb solcher Tiere mitbringen?

Die mögliche Einführung von Listenhunden hat heftige Diskussionen ausgelöst, vor allem bei Vertretern jener Zuchtverbände, die in der Bissstatistik mit hohen Prozentzahlen aufscheinen. Man sollte sich einen solchen Schritt genau anschauen. Wir brauchen für die Bürger, die Hunde halten, ein praktikables, umsetzbares und tierschutzgerechtes Gesetz. Auch der Schutz aller anderen Bürger ist ein wichtiger Aspekt. Ich meine, dass der Zugang zu Listenhunden diskutiert und anschließend erschwert werden muss. Ein Blick in die Tierheime zeigt, dass Rassen, die sich wohl darin finden werden, schwer bzw. nicht vermittelt werden können. Ein erschwerter Zugang würde mittelfristig die Heime entlasten.

Sind Sie dafür, die Strafen bei Verstößen etwa gegen die Leinen- und Beißkorbpflicht zu erhöhen?

Jeder Hundebesitzer sollte sich über die Konsequenzen bewusst sein, wenn sein Vierbeiner einen Menschen durch einen Biss verletzt. Mit diesem Bewusstsein würde es wesentlich weniger Übertretungen bei der Leinen- und Beißkorbpflicht geben. Auch hier würde die Präventionsarbeit im Vorfeld wesentliche Vorteile bringen. Ich würde die Strafhöhe spürbar anheben, wenn der Hundebesitzer die allgemeine Sachkunde bei der Anmeldung nicht vorweisen kann bzw. wenn nicht zeitgerecht angemeldet wird.

Besteht die Gefahr, dass man mit zu strengen Regeln ältere, alleinstehende Menschen abschreckt, sich einen Hund zuzulegen?

Ich war bei der letzten Novelle 2012 gegen einen generellen Hundeführerschein für alle Besitzer, weil wir auf keinen Fall ältere Menschen oder Personen, die nicht mehr so mobil sind, als Hundebesitzer ausschließen dürfen. Der vierbeinige Weggefährte ist ein unverzichtbarer Begleiter des Menschen in allen Lebensabschnitten.

Immer wieder beißen auch Familienhunde zu. Sind die meisten Vorfälle darauf zurückzuführen, dass die Halter zu wenig Wissen über das Verhalten ihrer Tiere haben und zu leichtsinnig sind bzw. zu wenig an Konsequenzen denken?

Statistisch gesehen werden 70 Prozent der Unfälle durch einen bekannten Hund verursacht (von Großeltern, Freunden, etc.). Besonders gefährlich sind große Hunde (Schulterhöhe über 45 cm). Auf sie entfallen 58 Prozent der Bisse. Kinder sind höchst schützenswert.

Warum kommt es Ihrer Erfahrung nach zu Hundebissen und wie verhindert man am besten Probleme?

Das Wissen, dass ich für meinen Hund voll verantwortlich bin, fehlt manchmal. Den sicheren Umgang und das Bewusstsein muss jeder Besitzer verstehen. Leinen und Maulkorbpflicht an den gesetzlich geforderten Orten würde schon einen Großteil der Hundebisse verhindern. Hunde dürfen aber nicht als blutrünstige Bestien dargestellt werden, vielfach ist der Halter die Schwachstelle.

Experten beklagen, dass Hundehalter nach Vorfällen ihr Tier auf jemanden anderen anmelden oder in ein anderes Bundesland ziehen und so Problemen aus dem Weg gehen. Wie kann man das verhindern?

Registierungs- und Kennzeichnungspflicht müssen für alle Hunde Pflicht sein – bei Verstößen gehören spürbare Sanktionen verhängt. Optimal wäre ein bundesweites Hundehaltegesetz. Denn dann wäre eine zentrale Registerführung kein Problem und derartigen Vorgehensweisen von Hundebesitzern ein Riegel vorgeschoben.

Mit Vbgm. Gerald KOLLER, Bundesausbildner für Polizeidiensthunde, sprach Heinz Wernitznig

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