Haltung alleine kittet den Krug nicht

Kleists „Der zerbrochene Krug“ als Online-Premiere am Landestheater

Zwei Frauen, zwei Haltungen, ein System: Theresa Palfi als Eve und Katharina Hofmann als Walter
Zwei Frauen, zwei Haltungen, ein System: Theresa Palfi als Eve und Katharina Hofmann als Walter © Herwig Prammer

Ein bisschen Werkgeschichte: Johann Wolfgang von Goethe inszenierte „Der zerbrochene Krug“von Heinrich von Kleist 1808 zum aller ersten Mal, es floppte und der Schluss gefiel dem Meister nicht. Kleist kürzte, blieb aber unglücklich. Ein „alternatives Ende“ des Prozess-Dramas — so würde man es wohl nennen, wäre „Der Krug“ein Hollywood-Thriller — entstand. Bérénice Hebenstreit, seit 2020 Nestroy-Preisträgerin, inszenierte nun den vielgespielten Stoff mit „Variant“inklusive Erweiterung durch Carolyn Amann an den Linzer Kammerspielen. Seit Samstag steht die Premiere der Linzer Version des Kleist’schen Stückes im Netz, anstatt der geplanten analogen Premiere im Februar am Landestheater fand sie nun online statt.

Sein Untergang naht, das System bleibt bestehen

In seiner kleinen Welt hat Richter Adam (Klaus Müller-Beck) nicht immer das Sagen, aber allemal Recht. Zwar steht er zu Beginn im unschuldig-weißen Büßerhemd vor dem (imaginären) Publikum, doch sein Blick ist kurz diabolisch, bevor er in einem stummen Schrei strauchelt und niederbricht. Von da an klagen ihn Stimmen an, erklingt regelmäßig unheilvolle Musik und bricht das Dunkel über ihn herein. Sein Untergang naht, das System wird bestehen bleiben.

Als Gerichtsrat Walter bricht vorerst Katharina Hofmann im bürokratischen Trenchcoat über das gemütliche Landleben herein. Sie will dem Rechtsverständis Adams auf den Zahn fühlen – just als der einen Fall zu verhandeln hat, der ihn recht persönlich betrifft. Befangenheit kennen wir aus TV-Krimis, Richter Adam ist der Begriff fremd, sein Schreiber Licht (Markus Ransmayr) kann ihn nicht zur Wahrheit locken. Der Krug in Eves (Theresa Palfi) Zimmer wurde zerbrochen, Mutter Martha (Gunda Schanderer) will Ruprecht (Jakob Kajetan Hofbauer), den Schwiegersohn in spe, verurteilt wissen und der Richter tut alles, um den eigenen geschundenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, dankbar um Wendungen, wie sie Frau Brigitte (Eva-Maria Aichner) ins Spiel bringt.

Es hat bei Kleist durchaus viel Komisches, wenn der im kleinen Kreis mächtige Mann sich rauswurschteln will. Ein Schelm, der dabei an diverse U-Ausschüsse samt origineller Antworten denkt. Weder das Eine — Humor — noch das Andere — das Jetzt — bedient die Regisseurin. Die Macht des einzelnen Mannes und die des Systems (mit Katharina Hofmann ja auch von einer Frau verkörpert) prasseln ein auf den Körper der jungen Eve, die ihre Unversehrtheit zur Rettung ihres Verlobten (Adam macht ihr vor, dessen Leben stünde bei einem bevorstehenden Milizeinsatz auf dem Spiel) in den Ring geworfen hat. Darum geht es. Unterm Talar trägt Richter Adam ein T-Shirt: „We are all feminists!”. Jetzt krallen sich die alten Männer auch noch dieses Terrain.

Gegen die Ausbeutung unterdrückter Leiber

Als im finalen Akt Frau Walter Eve Geld zum Freikaufen des Verlobten anbietet, hält diese — endlich — eine flammende Rede gegen den Kapitalismus, den damit vor die Hunde gehenden Staat und gegen die Ausbeutung unterdrückter Leiber. Ein Manifest.

YT
Video
Ich möchte eingebundene Social Media Inhalte sehen. Hierbei werden personenbezogene Daten (IP-Adresse o.ä.) übertragen. Diese Einstellung kann jederzeit mit Wirkung für die Zukunft in der Datenschutzerklärung oder unter dem Menüpunkt Cookies geändert werden.

Eves „Einführung“ und ihr Schluss-Monolog stellen sie in ein neues Licht. Die junge Frau ist sich des Sumpfes bewusst, der sie umgibt. Bewusstsein als erster Schritt, Zerbrochenes zu kitten.

Es fehlt der Inszenierung weder an klaren Worten und Haltung, noch an guten Darstellern, emotional bleibt der Zuseher jedoch auf der Strecke. Kaum eine der Figuren ist fassbar, vieles bleibt grau, statisch, dem Bühnenbild gleich — stilisiert. Einzig Palfis Reden, die die Handlung einrahmen, vermögen zu packen. Das ist für 90 Minuten Kleist wenig.

Von Mariella Moshammer

Wie ist Ihre Meinung?