Handkes “Zdenek Adamec” am Deutschen Theater Berlin

Ist es ein als Proberaum dienendes Refektorium? Das Heiligen-Stüberl einer Pilger-Raststätte? Ein Unterstand auf dem Jakobsweg? Auch bei der zweiten Inszenierung von Peter Handkes “Zdenek Adamec” darf man über den Schauplatz rätseln, doch hat Ausstatter Jens Kilian nun am Deutschen Theater in Berlin die vagen Andeutungen des Dichters deutlich getreuer umgesetzt als Sabine Kohlstedt bei der Uraufführung in Salzburg. Die Deutsche Erstaufführung erhielt am Mittwoch viel Applaus.

Insgesamt 17 großformatige Bildnisse weiblicher Heiliger zieren die olivgrünen Innenwände eines über der Bühne schwebenden Raumes, der während der 80-minütigen Spieldauer in mehreren Etappen zunächst durch drei sich verbreiternde Spalten, am Ende auch noch durch seitwärts vorgenommene Verschiebungen seine Geschlossenheit verliert. Der Grundton, den der Schweizer Regisseur Jossi Wieler (der im Dezember “Das verratene Meer” von Hans Werner Henze an der Wiener Staatsoper herausbringen wird) seiner Inszenierung verleiht, ist dennoch weniger ein kirchlicher als ein musikalischer.

Hatte Uraufführungs-Regisseurin Friederike Heller das Stück, in dem der Titelheld nie auftritt, es aber auch sonst keine klaren Rollenzuschreibungen gibt, mit sieben bunt zusammengewürfelten Akteuren (und einer dreiköpfigen Live-Band) besetzt, so entscheidet sich Wieler für ein Sextett, das anhand der neben anderen Gepäckstücken herumstehenden Instrumentenkoffer als Kammermusik-Ensemble auf Durchreise zu erkennen ist. Ehe der Vorhang hochgeht, ist das typische Orchestergraben-Stimmen vor einer Opernvorstellung zu hören. In den Kammerspielen des Deutschen Theaters setzt Wieler auf fein voneinander abgesetztes Schauspiel von Kammermusikern.

Wie Heller hat auch Wieler für die Verhandlung des wahren Falls eines 18-jährigen Tschechen, der sich 2003 auf dem Prager Wenzelsplatz verbrannte und in einem Abschiedsbrief gegen “Geld und Macht” protestierte, die uneingeschränkt regierten, auf streng konturierte Figuren Wert gelegt. In Monologen, Einwürfen und Widersprüchen rekonstruieren sie nicht nur die Geschichte von Zdenek Adamec, sondern huldigen auch der Kunst des Geschichtenerzählens an sich. Felix Goeser spielt den nachdenklichen Intellektuellen mit der Hand am Kinn, Marcel Kohler den jugendlichen Skeptiker mit der Kamera in der Hand und Bernd Moss den leicht zynischen Beobachter mit dem Lächeln im Gesicht. Bei den Damen sorgt Regine Zimmermann leicht nervend für das Basiswissen (Wie viel kostete die Busfahrt von Humpolec nach Prag und wie viel Grad hatte es damals am Wenzelsplatz?), Linn Reusse und Lorena Handschin geben die jugendliche Aufsässige und die melancholisch Abgeklärte.

Diesem Ensemble zuzusehen ist eine Freude. Wirklich lebendig wird der reichlich papierene Text, der immer wieder zur Selbstverbrennung, ihrer Vorgeschichte und ihren möglichen Motiven zurückkehrt, aber auch viele Abschweifungen ins Allgemeine unternimmt, nur selten. Wo es nur Erzählung, aber keine Handlung gibt, wird es zur willkommenen Abwechslung, wenn sich die im Raum stehende Jukebox auch mal persönlich zu Wort meldet. Ansonsten verzichtet Wieler weitgehend auf selbstständiges Aufmachen von Assoziationsräumen. “Keine Interpretation, so war’s doch ausgemacht für unser Spiel, oder?”, heißt es einmal im Stück. “Ja, so war es abgemacht.” Friederike Heller hatte sich in Salzburg daran gehalten. Jossi Wieler hat diesen Satz (und nicht nur den) in Berlin gestrichen, setzt dafür Handkes abschließende Regiebemerkung exakt um: “Musik. Großes Orchester. Bloßes Einstimmen, anschwellend.”

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Am Burgtheater darf im Februar Frank Castorf ran – so ihm kein zweiter Lockdown in die Quere kommt. Ein anderer prominenter Regisseur war gestern unter den Premierengästen: ein gut gelaunter und fit wirkender Claus Peymann. Er warte bei diesem Stück in aller Ruhe auf seine Chance, hatte er kürzlich lachend der APA erklärt. “Und wenn es dann alle versaut haben, kann ich mein Glück versuchen und allen zeigen, wie’s geht.”

(S E R V I C E – Peter Handke: “Zdenek Adamec – Eine Szene”, Regie: Jossi Wieler, Bühne und Kostüme: Jens Kilian, Musik: Arno Kraehahn, Mit Felix Goeser, Lorena Handschin, Marcel Kohler, Bernd Moss, Linn Reusse und Regine Zimmermann. Deutsche Erstaufführung am Deutschen Theater, Berlin. Nächste Aufführungen: 22., 23., 27.-30.10., Karten: +49/30 28441-225, )

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