Happy Birthday, Mickey!

Mit seiner liebenswerten Art hat Micky Maus Generationen von Kinderherzen erobert. Die Abenteuer des Mäuserichs mit den großen Ohren und der frechen Stupsnase ziehen aber auch Erwachsene in ihren Bann. Der kleine Kerl ist die berühmteste Zeichentrickfigur der Welt, er hat sogar einen eigenen Stern auf Hollywoods Walk of Fame. In Amerika ist Micky bekannter als der Weihnachtsmann. Am Sonntag feiert die Maus ihren 90. Geburtstag: Mit „Steamboat Willie“ flimmerte am 18. November 1928 der erste Micky-Maus-Film in New York über die Leinwand.

Die Idee für die Figur hatte der legendäre Zeichentrick-Visionär Walt Disney bei einer Zugfahrt von New York nach Los Angeles. Ein Konkurrent hatte ihm gerade die Rechte für sein Comic-Kaninchen Oswald weggeschnappt. „Ich war also allein und hatte nichts“, erzählte Disney später. „Aber ich hatte diese Maus im Hinterkopf. Eine Maus hat einen sympathischen Charakter, auch wenn sich die meisten Leute — einschließlich mir — etwas vor ihr fürchten.“ Den zunächst geplanten Namen Mortimer Mouse fand Disneys Frau Lillian zu altmodisch. So wurde der Mäuserich schließlich Mickey Mouse getauft — auf Deutsch: Micky Maus.

 

Der Start mit dem Kurzfilm „Steamboat Willie“ war gleich ein ausgesprochener Glücksgriff. Disney und sein Zeichner Ub Iwerks hatten zwar schon zwei andere Mäuse-Filme fertig, weil aber gerade der Tonfilm in Mode kam, ließ der Produzent die beiden ersten Werke in der Schublade verschwinden und brachte einen dritten Streifen auf den Markt — mit eingängiger Musik und reichlich Krach unterlegt.

Vom Rotzlöffel zum Bilderbuchtalent

Als aufmüpfiger Schiffsjunge, der mit Freundin Minnie knutscht und den Kapitän mit allerlei Schabernack nervt, beginnt Micky darin seine Kinokarriere. Und das gar nicht harmlos. Minnie und er machen gemeinsam Musik, wie es jeden Tierfreund entsetzen muss: Da werden Katzen gequält, Enten gequetscht und Ferkel am Schwanz gezogen — alles für die lustige Melodie. Keine Spur von der netten Maus, die alle liebt.
Trotzdem ist der Film der Beginn einer beispiellosen Erfolgsgeschichte. „Die Lacher sind so zahlreich im Publikum, dass sie ineinander übergehen“, schrieb verblüfft das Magazin „Variety“. Micky wurde zum Star, bekam zur roten Hose noch weiße Handschuhe und machte von nun an einen Film nach dem anderen. Andere Studios können mit der Qualität und Technik nicht mithalten. Allein 1929 entstehen zwölf weitere Kurzfilme, innerhalb von zwei Jahrzehnten werden es 120. Die Kinozuschauer kaufen oft nur dann eine Karte, wenn Micky Maus als Vorfilm kommt. Oder sie bleiben nach dem Programm sitzen, um den Mäuserich ein zweites Mal zu sehen. Bald beginnt die Figur auch zu sprechen — Walt Disney selbst leiht ihr für fast zwei Jahrzehnte seine Stimme. 1935 läuft der Film erstmals in Farbe. Schon drei Jahre zuvor war Disney für die Erschaffung der Supermaus mit einem Ehren-Oscar ausgezeichnet worden.
„Wenn die Leute über Micky Maus lachen, dann deshalb, weil er so menschlich ist. Das ist das Geheimnis seines Erfolgs“, sagte der 1966 verstorbene Erfinder einmal. Vom Rotzlöffel wandelt sich die Figur zum Bilderbuchtalent. Micky kann einfach alles: Er ist Feuerwehrmann und Cowboy, Dirigent, Detektiv, Installateur und Erfinder. Mit von der Partie sind Verlobte Minnie, der müde Hund Pluto, Tollpatsch Goofy und Widersacher Kater Karlo. Schon 1930 entstehen auch die bald legendären Comic-Strips.
1942 zieht Micky sogar in den Krieg und tritt in Propagandafilmen mit Karabiner und Stahlhelm auf. Minnie bleibt derweil zuhause und gibt das restliche Bratenfett nicht dem Hund, sondern spendet es. Denn: „Aus weggekipptem Bratenfett kann Glitzerin für zehn Milliarden Patronen gemacht werden!“ Pluto ist sauer — sieht es aber natürlich ein und salutiert mit den Ohren vor dem Bild von Micky in Uniform. Gut 9000 Kilometer weiter gibt es einen großen Micky-Maus-Fan: Adolf Hitler. „Ich schenke dem Führer 12 Micky-Maus-Filme zu Weihnachten! Er freut sich sehr darüber. Ist ganz glücklich über diesen Schatz“, schreibt Joseph Goebbels 1937 in sein Tagebuch. Sein Versuch, ein deutsches Trickreich zu schaffen, scheitert kläglich.

„Schundhefte“, die Kinder zu Analphabeten machen

Im deutschen Sprachraum erscheint seit 1951 die Zeitschrift „Micky Maus“. Die Intellektuellen sind entsetzt: „Schundhefte“ seien es, die aus Kindern Analphabeten machten, tönt so mancher. Die Rechten sehen amerikanischen Kulturimperialismus, die Linken imperialistischen Kulturamerikanismus. Dabei entstehen die meisten Hefte in Europa, die langjährige Chefredakteurin und Übersetzerin Erika Fuchs macht Comic-Hefte salonfähig.
So mancher Kenner fand Micky früher köstlich anarchisch und beklagt, die Maus sei mittlerweile zu einem netten Kerl ohne Ecken und Kanten und ganz schön spießig geworden. Dem Disney-Konzern hat der kleine Mäuserich jedenfalls einen Reichtum beschert, von dem selbst Dagobert Duck nur träumen kann. 1930 durfte gegen eine Gebühr von 300 Dollar erstmals ein Unternehmen eine Schulmappe mit der Maus bedrucken. Seither gibt es von der Unterhose bis zur Kaffeetasse kaum einen Gebrauchsgegenstand, der nicht mit dem Nagerdesign zu haben ist. In Hoch-Zeiten sollen Micky-Maus-Produkte dem Konzern mehr als die Hälfte seiner milliardenschweren Verkaufserlöse eingebracht haben. Kein Wunder, dass die Firma den Mäuserich zu ihrem Maskottchen kürte. Die Besucher von Disneyland werden mit einem netten Pfotendruck begrüßt. Längst ist die Maus aber auch ein Stück Kulturgut geworden.