Hauptsächlich rabenschwarze Rückblicke

Drei Premieren am Burgtheater: Franzobel, Tabori, Schimmelpfennig

„Der Leichenverbrenner“: Nikolaus Habjan (l.), Michael Maertens
„Der Leichenverbrenner“: Nikolaus Habjan (l.), Michael Maertens © Matthias Horn

Gemütlich will es Burgtheater-Direktor Martin Kusej seinem Publikum ja nie machen, aber die beiden letzten Premieren im Akademie- und im Burgtheater waren besonders nervenzerreißend. Zweimal gnadenlos in die Nazi-Zeit zurückgeblendet, verließ man zweimal wie erschlagen das Theater.

Franzobel kostet den schaurigen Rahmen aus

Zuerst das, was der Oberösterreicher Franzobel aus dem Roman „Der Leichenverbrenner“ des Tschechen Ladislav Fuks gemacht hat — ein Buch, das schon den Ruf einer Horror-Geschichte mitbrachte. Bei Franzobel wird der schaurige Rahmen eines Krematoriums ausgekostet, um vor allem eine politische Parabel zu erzählen.


Es ist die Geschichte des Durchschnittsbürgers Karel Kopfkringl, seines Zeichens begeisterter Leichenverbrenner und scheinbar braver Familienvater, der infolge seiner Beschränktheit während der nationalsozialistischen Besetzung seines Landes nicht nur zum Mitläufer, sondern auch zum blutigen Täter wird — was Michael Maertens großartig und mit fast unverändertem Gesichtsausdruck spielt, denn er ist, auch als er seine Familie ermordet (!), immer noch hoch zufrieden mit sich …

Das Stück, das nicht nur durch das Krematorium-Ambiente, sondern auch durch seine Schauerhandlung den Zuschauer aufs höchste anspannt, erlebt seine partielle Verfremdung dadurch, dass neben Kopfkringl und drei Menschen-Darstellerinnen die bekannten Klappmaul-Puppen des Nikolaus Habjan hier walten, der das Stück auch inszeniert hat. Erträglicher wird die Sache kaum. Warum Franzobel sich am Ende nicht verbeugt hat, war nicht einzusehen — das Publikum spendete schließlich reichen Applaus.

Die Bitterkeit des Nachgeborenen

Im Burgtheater erinnerte man sich an ein einstiges Erfolgsstück, das zu Zeiten seiner Uraufführung (1987) wirklich etwas Besonderes war. Damals hat der große George Tabori nicht nur den Österreichern, sondern auch den Juden gezeigt, dass man über Hitler lachen kann. Die Szenen von „Mein Kampf“, wo der junge Mann aus Braunau im Männerheim in Wien eintrifft und auf jüdische Mitbewohner trifft, sind voll von jüdischem Witz, Weisheit, Metaphysik, das kommende Grauen mit leichter Hand behandelnd.

Nichts davon realisierte sich in der jüngsten Aufführung des Burgtheaters, die man dem Schauspieler und Regisseur Itay Tiran anvertraut hat. Dieser, ein junger Israeli von heute, ersetzt die Ironie des Weltbürgers und Holocaust-Überlebenden Tabori durch die Bitterkeit des Nachgeborenen, der gar keinen Humor für Hitler aufbringen kann. Was einst von souveräner Leichtigkeit durchtränkt war (was notabene das Wesen des Stücks ist), wird hier schwer, böse, unversöhnlich, ein pausenloser zweieinviertelstündiger Abend, der mit dem Original wenig zu tun hat.

Dazu Schauspieler, die von jüdischem Witz leider gar nichts verstehen. Tabori, gröblich missverstanden. Die Düsternis schlug über den Zuschauern zusammen, wie es zweifellos vom Regisseur grimmig beabsichtigt war.

Unglaublich hübsche, poetische Dramatisierung

Um einiges glücklicher wurde man mit einer Produktion der „Jungen Burg“, die nicht nur Kindern und Jugendlichen gefallen wird, sondern – bei aller Kürze — auch für Erwachsene einen vollwertigen Theaterabend bietet. Erstaunlich, dass ausgerechnet Roland Schimmelpfennig – als Autor komplizierter Stücke bekannt — eine unglaublich hübsche, poetische Dramatisierung des „standhaften Zinnsoldaten“ von Hans Christian Andersen gelungen ist. Dabei hat er in „Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin“ — überzeugend auf die Bühne des Burgtheater-Vestibüls gestellt von Regisseurin Mia Constantine — nicht nur für den Soldaten, sondern auch für dessen Geliebte, die Papiertänzerin, abenteuerliche Schicksalswendungen erfunden, bevor sie ihr Happyend bekommen (das im originalen Märchen ja fehlt).

Hier ist dann auch die Optik nicht düster, sondern bunt und immens einfallsreich, und man geht einmal nicht bedrückt nach Hause.

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