Haydns Passion auf virtueller Bühne

Neun Symphonieorchester erklangen gemeinsam auf ORF III

Das Bruckner Orchester Linz unter Chefdirigent Markus Poschner erklang im Konzert mit acht anderen Orchestern.
Das Bruckner Orchester Linz unter Chefdirigent Markus Poschner erklang im Konzert mit acht anderen Orchestern. © R. Winkler

Not beflügelt bekanntlich den Erfindungsgeist und führte diesmal zu einem bewundernswerten Konzertereignis.

Zur pandemiebedingten Sperre der Kulturhäuser verurteilt, machte Norbert Trawöger, der künstlerische Direktor des Bruckner Orchesters, vor einem Jahr den Vorschlag zu einem Zusammenschluss aller neun Landes-Symphonieorchester Österreichs für die Video-Aufnahme eines gemeinsamen Konzertes.

Passend für den Karfreitag 2021 bot man Haydns Oratorium „Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze“ dar, das am Freitag auf ORF III ausgestrahlt wurde und nun auf der Homepage des Bruckner Orchesters (www.bruckner-orchester.at) abrufbar ist.

Die ausführenden Musiker waren das Mozarteum Orchester, das Bruckner Orchester, das Tonkünstler Orchester Niederösterreich, das Symphonieorchester Vorarlberg, die Grazer Philharmoniker, das ORF Radio-Symphonieorchester Wien, das Kärntner Sinfonieorchester, das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck und die Wiener Symphoniker. Ein besseres Werk, eine bessere Realisierung hätten nicht gefunden werden können.

Auf Klangreise durch die Bundesländer

Die neunteilige Komposition durch neun Bundesländer auf Klangreise zu schicken, bescherte dem Oratorium eine noch nie gespielte Fassung und dem Herzensstück des gläubigen Haydn eine weitere Aufführungsmöglichkeit.

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Er schrieb es 1786/87 im Auftrag der spanischen Stadt Cádiz für deren Karfreitagszeremonien als reine Instrumentalmusik, arrangierte selbst bald eine Streichquartettversion und beendete das Werk erst 1796 als ausgewachsenes Oratorium für Soli, Chor und Orchester. Zu hören ist es heutzutage trotz der diversen Fassungen nicht sehr oft.

Gemeinsames Vertiefen als Zeichen der Hoffnung

Naturgemäß stützte sich die diesmalige Aufführung im Netz auf die reine Orchesterfassung ohne Solisten und Chöre, so dass die deutschen Texte von Gottfried van Swieten allein durch die einfühlsame Klangsprache der Musik mitzuteilen waren. Genau in diesem Punkt gelang das einzigartige Experiment überraschend großartig, es fehlte der Digitalwiedergabe an rein gar nichts in der Geschlossenheit, auch weil die Aufeinanderfolge der Passionsszenen zügig erfolgen konnte.

Die größte Leistung bestand darin, den doch stilistisch unterschiedlichen Zugang der Orchester zu Haydn auf einen Nenner zu bringen und beim Musizieren größtmögliche Homogenität zu erzielen. Immerhin handelte es sich um kein spontan abrufbares Repertoirestück.

Gemeinsam die geistige Vertiefung in Haydns heikel-reduzierter Musik spüren zu lassen, die tröstliche Intensität in der Balance mit den stimmigen Vibrati zu erreichen oder die dynamischen Akzente und Temporelationen abzustimmen, verwies auf eine gründliche Einstudierungsarbeit.

Dabei ging es nicht darum, sich gegenseitig wie in einem Wettbewerb zu übertreffen, Maßstäbe für die Interpretation zu setzen. Alle Klangkörper gaben ihr Bestes, teils unter ihren Pultchefs, teils unter Gastdirigenten, deren Anliegen zu spüren war, in Zeiten der Coronakrise ein Zeichen der Hoffnung und des künstlerischen Lebenswillens für den emotionalen Halt zu setzen und die Trauerstimmung in den Passionstagen in Freude zu verwandeln.

Zuletzt soll hier noch die tadellos funktionierende technische Abwicklung mit der Bildregie von Thomas Radlwimmer gelobt werden. Zur jeweiligen Einstimmung weckten die Saal- und Stadtbilder der einzelnen Aufnahmestätten Erinnerungen an Orte, nach denen die Sehnsucht schon sehr groß ist.

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