Helene heißt jetzt Walross

Sanft schaukelt die alte Dame am Urfahraner Donauufer im Wasser. Erst vor kurzem haben ihre neuen Besitzer das Schiff einer umfassenden Renovierung unterzogen, innen wie außen steht sie jetzt in frischem Glanz da und stellt sich gestärkt ihren neuen Aufgaben. Die MS Helene heißt jetzt MS Walross und macht sich auf zu neuen Ufern.

Das Walross vor dem Linzer Lentos © Markus Bauer

Text: Melanie Wagenhofer
2500 Stunden Arbeit innerhalb eines Jahres und jede Menge finanzielle Mittel haben Bernd Sommavilla (46) und seine Freunde und Partner Reinhold Bloch (62) und Jürgen Lockinger (41) in das knapp 20 Meter lange und vier Meter breite Schiff gesteckt, das sie 2017 von Familie Schaurecker erworben haben. Als die Linzer die Helene, benannt nach ihrer früheren Kapitänin, kauften, fuhr das Schiff schon fünf Jahre nicht mehr. Zuerst wurde die alte Dame einmal trocken gelegt, in der Schiffswerft aus dem Wasser gehoben und frisch lackiert. Der Rumpf ist jetzt in cooles Schwarz getaucht wie auch das Innenleben der Helene, die in Walross umgetauft wurde, weil das „gut klingt und der gleichnamige Song der Beatles künftig auch einmal als Melodie beim Ablegen erklingen könnte“, wie Sommavilla lachend erzählt.
Apropos Ablegen: Reinhard Bloch ist Eigner einer Schiffsführerschule in Linz und damit der „erste“ Kapitän des Projekts. Aber auch seine Partner haben schon das 10-Meter-Patent (Anm., für das Lenken eines maximal 10 Meter langen Schiffes) und das 20-Meter-Patent erworben. Für die Schiffsführerscheine sei ein ganzes Buch voll Wissen zu pauken gewesen, erzählt Sommavilla. Demnächst steht das kleine Kapitänspatent an. So gerüstet, nimmt das Walross, das übrigens von rund 160 Pferdestärken angetrieben wird, nun regelmäßig Fahrt auf.
„Über die Bubble Days, die wir mitorganisieren, hatten wir das erste Mal 2009 Kontakt mit der Schifffahrt“ erzählt Sommavilla. Für das Event wurde ein riesiges, altes Schiffswrack als Parcours adaptiert, auf dem die Wakeboarder seither jedes Jahr ihren Bewerb austragen. „Wir sind auch viel mit Zillen im Hafen herumgefahren und irgendwann dann einmal entsprechende Legitimierungen erforderlich geworden“, sagt Sommervilla: Die Leidenschaft für die Schifffahrt war entfacht. Heute träumen die Kapitäne der MS Walross von weit entfernten Zielen, die man mit dem Boot ansteuern könnte …
Vorerst tuckert es aber im heimischen Gewässer sprich auf der Donau herum. Die aufwändige Instandsetzung war nicht nur Liebhaberei, sie dient vor allem Unternehmenszwecken: Man kann das Schiff der nunmehrigen Leinen Los GmbH für private Feiern und Firmenveranstaltungen anheuern, als Ausflugsschiff oder am Ufer liegender Partyraum, mit komplettem Service vom Catering bis zum DJ oder als leeren Raum, den man selber bespielt. Sommavilla: „Man kann das Walross, das für 49 Personen exklusive Besatzung zugelassen ist, mieten wie eine Alpenvereinshütte.“

Die alte Dame wurde entkernt & generalsaniert

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Angetrieben wird das Schiff von einem LKW-Motor, ein zusätzliches Dieselaggregat liefert Strom. Die Lenkung wurde in eine moderne hydraulische umgebaut, der gesamte Führerstand neu verkabelt. Wandstärkemessungen haben ergeben, dass der Schiffskörper noch gut in Schuss ist. Für seine neue Bestimmung wurde das Schiff auch völlig entkernt. „Ich bin auf den Spanden herumgewandert“, sagt der Tischler und Grafiker Sommavilla, der Handwerker unter den Freunden, der vom Entwurf bis zum fertigen Schiffsbauch verantwortlich zeichnet. Neue Böden wurden gelegt, die Wände neu gestaltet, alles frisch isoliert. Ein befreundeter Schlossermeister, Michael Eidenberger aus Lichtenberg, hat u. a. die Schiebetüren gebaut. „Alles Handarbeit“, sagt Sommavilla zu Recht mit Stolz. Sein Lieblingsplatz ist – wie für die meisten Besucher – das von ihm selbst aus Holz gebaute Freideck: „Eine richtige James Bond-Ecke“, sagt der Gestalter lachend. Der Schiffsbauch ist reduziert und stylish eingerichtet: Man sitzt auf mit schwarzem Leder gepolsterten grauen Kisten, die auch viel Stauraum bieten. Eine kleine Bar ist die Versorgungs- und Soundzentrale samt Bildschirm. Die Heizung wurde erneuert, eine Klimaanlage eingebaut.
Nach der Jungfernfahrt im April ist die MS Walross in ihre neue Zukunft gestartet, das Feedback sei äußerst positiv, so Sommervilla: „Derzeit stechen wir etwa zweimal pro Woche mit Gästen in See.“ Aus jeder Buchung würden sich zwei neue ergeben. Und das Schiff fährt Chartereinsätze für Mural Harbour, die Linzer Hafengalerie. Der Steg, der zum Schiff gehört und auf der Höhe des Urfahraner Jahrmarktgeländes liegt, erweist sich zusätzlich als Glücksfall für die Pläne der Neo-Eigner, die „noch tausend Ideen“ haben: Demnächst soll er mit einem Sonnensegel als weitere Nutzungsfläche adaptiert werden. Das Wichtigste aber sei, so Sommervilla: „Wir wollen Schifferlfahren.“
www.walross.at

Idealer Liegeplatz: der Steg auf der Höhe des Urfahraner Jahrmarktgeländes