Herkunftskennzeichnung: „Wann, wenn nicht jetzt?“

Agrar-Landesrat Max Hiegelsberger geht davon aus, dass diese noch heuer von der Regierung auf Schiene gebracht wird

Agrar-Landesrat Max Hiegelsberger: „Versorgung mit regionalen Lebensmitteln sollte nichts Besonderes sein, sondern Normalität. Und wenn man nach Corona von einer neuen Normalität spricht, gehört genau das dazu.“
Agrar-Landesrat Max Hiegelsberger: „Versorgung mit regionalen Lebensmitteln sollte nichts Besonderes sein, sondern Normalität. Und wenn man nach Corona von einer neuen Normalität spricht, gehört genau das dazu.“ © Wakolbinger

Wie die aktuelle Situation der Bauern ist und wo deren Zukunftschancen liegen, darüber spricht Agrar-Landesrat Max Hiegelsberger im Interview.

VOLKSBLATT: Die aktuelle Agrarumfrage zeigt, dass der Großteil der Landwirte mit der Entwicklung ihrer Betriebe zufrieden ist.

MAX HIEGELSBERGER: Es ist richtig, dass das Stimmungsbild der Landwirte grundsätzlich abgesichert ist. Vor allem die Zukunftsaussichten werden überwiegend positiv bewertet. Dennoch muss man da auch ins Detail gehen.

Also je nach Ausrichtung der Betriebe?

Genau. Da gibt es schon gravierende Unterschiede. Beispielsweise haben wir in der klassischen Produktion von Milch eine hohe Stabilität, was das Preisgefüge betrifft. Bei den Rinderbauern schaut es da schon ganz anders aus.

Warum?

Eher zu Beginn der Corona-Krise war dort die Preissituation für die Bauern drückend. Sie niedrige Rinderpreise haben wir schon lange nicht mehr gehabt. Und dann hat die Corona-Krise auch noch die Schweinebauern eiskalt erwischt, weil beispielsweise wichtige Exportmärkte weggebrochen sind. Zudem haben wir gesehen, dass sich der Preisdruck seitens des Handels genau in der Zeit massiv verstärkt hat. Und das ist absolut unverständlich, denn es gibt zwar die großen Beteuerungen in Bezug auf Regionalität – aber so wie das Spiel derzeit läuft, kann es auf Dauer nicht weitergehen.

Inwieweit?

Regionalität um jeden Preis ist nicht möglich. Um die bäuerlichen Strukturen in Österreich zu erhalten wird es auch auf Bundesebene einen deutlichen Schub bei den Unterstützungsmaßnahmen geben müssen.

Sind dann die Regionalregale in den Supermärkten nur Feigenblattaktionen?

Ein Beispiel: Mir hat ein Eiererzeuger geschrieben, er verkauft um zwölf Cent an den Großhandel. Der verkauft an einen Lebensmittelkonzern um 49 Cent und schlussendlich kostet die Ware in der Aktion im Geschäft 99 Cent. Das zeigt deutlich, wie groß die Kluft ist. Daher muss der Wertschöpfungsanteil für die Bauern erhöht werden, wenn wir auch in Zukunft die Struktur der bäuerlichen Familienbetriebe so behalten wollen.

Warum ist das so wichtig?

Weil wir im internationalen Wettbewerb stehen und vor allem preislich verglichen werden. Dabei produzieren beispielsweise die Betriebe unter ganz anderen Auflagen und Bedingungen. Das fällt für mich schon unter die Kategorie „unlauterer Wettbewerb“. Nirgendwo sonst sind die Standards so hoch wie in Österreich; und das muss auch was wert sein.

Wird das auch goutiert?

Letztendlich ist es wichtig, dass alle Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette im Lebensmittelbereich mit ihrem Einkommen zufrieden sind. Aber der Gewinn darf nicht bloß beim Handel bleiben.

Ist das preislich für die Konsumenten darstellbar, denn das würde bedeuten, dass heimische Lebensmittel teurer werden.

Aktuell geben die Österreicher nur neun Prozent ihrer Einkommen für Lebensmittel aus. Soll das Richtung sechs, fünf oder null Prozent gehen, kann man da provokant fragen? Fest steht: Die Preise für regional erzeugte Lebensmittel stehen permanent unter Druck – und damit auch die Landwirte.

Das heißt, die Bauern müssen noch mehr auf Direktvermarktung setzen.

Das geht nur bedingt. Man kann ja Linz nicht bloß mit Direktvermarktern versorgen. Ich denke, das wird für manche Betriebe eine Möglichkeit sein, aber das müssen sich die jeweiligen Betriebsführer ganz genau ansehen. Schlussendlich geht es um vernünftige Erwerbskombinationen, das Geschäftsmodell muss auf mehreren Säulen ruhen. Schwierig ist es dort, wo es aufgrund der Topografie schwierig ist, etwa in Höhenlagen oder im steilen Gelände.

In Oberösterreich gibt es gut 2000 Direktvermarkter. Wo will man da hin?

Ich denke, in Oberösterreich gibt es in den kommenden Jahren noch Platz für 500 bis tausend Betriebe, die dieses Geschäftsmodell nutzen können. Aber das muss man sich im Vorfeld gut überlegen, denn wenn es zum Beispiel in einer kleinen Gemeinde einen starken Direktvermarkter für Milchprodukte gibt, wird ein zweiter dort keine große Chance haben. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir 20.000 Betriebe in Oberösterreich haben, die einen Mehrfachantrag abgeben. Der Großteil wird also auch künftig an die Verarbeiter und die Lebensmittelindustrie liefern.

Den Forstwirten geht es zurzeit ganz schlecht.

Das stimmt. Denen setzt der Klimawandel enorm zu. Mit der Fichte haben wir ein vielfältig einsetzbares Holz – aber nun stoßen wir an die Grenzen. Daher muss die Forschungsintensität seitens des Bundes in dem Bereich erhöht werden, welche anderen Baumarten als Ersatz für die Fichte eingesetzt werden kann. Hier müssen Zuchtprogramme vorangetrieben werden, denn ich kann nicht überall Laubholz einsetzen. Künftig wird es eine dramatisch andere Zusammensetzung der Wälder geben müssen.

Von welchem Zeithorizont reden wir da?

Das ist natürlich langfristig zu sehen. Daher ist es so wichtig, jetzt die Forschung zu intensivieren, damit in zehn, 15 Jahren Ergebnisse sichtbar sind.

Wie ist die Entwicklung beim Borkenkäfer?

Die Niederschläge haben uns in der Landwirtschaft bei den Ernteerträgen geholfen und auch im Forstbereich.

Das heißt, eine leichte Erholung?

Ja, aber das ist noch lange keine Entwarnung.

Seit Jahren ist die Herkunftskennzeichnung ein Thema. Was tut sich da?

Die steht im Regierungsprogramm und ich gehe davon aus, dass sich da heuer noch etwas tun wird. Wann, wenn nicht jetzt? Wichtig ist: Wir reden hier von der verarbeitenden Industrie und den Großküchen.

Kritiker könnten das als Protektionismus werten.

In Wahrheit ist es Wahlfreiheit. Der Konsument, der Genießer kann entscheiden, zu welchem Lebensmittel er greift. Aber er sollte vorher wissen, was drinnen ist, wie es produziert wurde und woher es kommt. Es geht also nicht um Ausgrenzung, denn auch wir liefern in andere Märkte. Aber eine einfache Entscheidungs- und Wahlmöglichkeit für die Konsumenten kann dadurch rasch hergestellt werden.

Wo gibt es noch Potenziale für die Landwirte?

Im Geflügelbereich, speziell im Bio-Bereich. Da brauchen wir Ställe. Und eine verstärkte Kooperation von Landwirten wäre auch wünschenswert.

Also Erzeugergemeinschaften?

Ja, genau. Da haben wir schon ein paar gute Beispiele bei Gemüse und Erdäpfeln und das lässt sich sicherlich auch auf andere Bereiche übertragen.

Stichwort GAP.

Da gibt es noch einige Ungereimtheiten, mit denen wir nicht zufrieden sind. Dabei wäre es für die Landwirte, nicht nur in Oberösterreich, wichtig, dass sie sehen, sie haben langfristige politische Verlässlichkeit. Genauso, wie es in Oberösterreich und Österreich der Fall ist.

Mit Agrar-Landesrat MAX HIEGELSBERGER sprach Oliver Koch

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