Hochpoliert und tiefgreifend

Achtteilige Miniserie „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ auf Amazon

Jana McKinnon als Christiane
Jana McKinnon als Christiane © Constantin Television/Mike Kraus

Fettige Haare? Schmutzige Kleider? Nicht in jener Welt, in der Christiane F., der wohl berühmteste Junkie Deutschlands, 2021 über die Bildschirme flackert.

Die Adaption des Bestsellers durch Amazon Prime Video und Constantin Television spielt zwar vom Setting her Ende der 1970er, ist aber für heutiges Publikum auf Hochglanz poliert. Hinter der zunächst hippen Fassade verbirgt sich jedoch eine tiefgreifende Aufarbeitung des Stoffes. Ab Freitag auf Amazon Prime.

Aufstieg und Fall einer ganzen Clique

Dass die Geschichte, die zunächst von den „Stern“-Redakteuren Kai Hermann und Horst Rieck als Buch herausgebracht und 1981 höchst erfolgreich von Uli Edel verfilmt wurde, in der epischen Breite von acht Folgen als Miniserie funktioniert, ist jenem Datenschatz zu verdanken, der nun aufwendig restauriert wurde: Unzählige Kassetten hat die junge Christiane F. damals im Rahmen der Interviews besprochen, doch nur ein Bruchteil schaffte es in Buch und Film. Die Produzenten Oliver Berben und Sophie von Uslar, Drehbuchchefin Annette Hess und Regisseur Philipp Kadelbach konnten aus dem Vollen schöpfen und haben den scheinbaren Aufstieg und raschen Fall einer ganzen Clique (re)konstruiert. Babsi, Stella und Co. bekommen ihre eigene Geschichte mit scharfem Profil, bewegend umgesetzt vom großteils wenig bekannten Cast.

Die österreichisch-australische Schauspielerin Jana McKinnon als Christiane kommt aus einem chaotischen Haushalt: Die Mutter schläft mit dem Chef, der Vater verirrt sich in Projekten wie der Doggenzucht, bald kommt es zur Trennung. In der neuen Schule sucht Christiane Anschluss, und findet ihn bei der toughen Stella (Lena Urzendowsky), die ihr klar macht: „Das hier ist der Raucherhof, nicht der Rumstehhof.“ Also kauft sich die 13-Jährige am Bahnhof Zoo eine Packung Zigaretten — nicht wissend, dass die dunklen Gänge bald jener Ort sein werden, wo sie und ihre Freunde am Babystrich Geld für ihre Heroinsucht verdienen werden. Als zweiter zentraler Schauplatz dient die Disco „Sound“, in der die Jugendlichen zu Beginn im Triprausch über der Tanzfläche schweben, aber schon bald auf den Klos nach einem „Schuss“ zusammensacken.

Regisseur Kadelbach nimmt sich Zeit, die einzelnen Charaktere einzuführen, verfolgt das Zusammenfinden der Gruppe, schält die sich einschleichende Dynamik des zunehmenden Drogenkonsums heraus und macht klar: „Nur mal probieren“ oder „Ich hab das unter Kontrolle“ sind leere Phrasen. Und so manövrieren sich die eigentlich verantwortungsvolle Stella, die dünnhäutige Babsi (Lea Drinda), der naive Benno (Michelangelo Fortuzzi), der charmante Axel (Jeremias Meyer) und der hoffnungslos in Benno verliebte Michi (Bruno Alexander) sukzessive in den Abgrund. Von der früheren Glitzerwelt im „Sound“ ist wenig übriggeblieben, Loyalitäten zerbröseln angesichts der Abhängigkeit vom Heroin. Und so wird „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ von Folge zu Folge düsterer.

Die Mechanismen von Sucht gelten universal

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Auch wenn Heroin 2021 wohl nicht mehr den größten Teil des Drogenproblems ausmacht — die Mechanismen von Sucht gelten universal. Und dass die Figuren wie aus Instagram entsprungen aussehen, tut der zu erwartenden Popularität der Serie bestimmt keinen Abbruch. Wichtig war Hess, nicht mit falsch erhobenem Zeigefinger hineinzugehen. Dass die Ästhetik der Produktion zwar an den späten 1970er und frühen 1980ern angelehnt ist, sich aber v. a. auch auf der Soundtrackebene nur schwer zeitlich verorten lässt, war eine bewusste Entscheidung, wie Kadelbach erklärte: „Wir wollten eintauchen in eine Zeitlosigkeit.“

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