Hoffen auf Trumps Wiederwahl?

Machtwechsel in den USA wohl nur zum Preis einer Verschärfung der Corona-Krise

Donald Trump © AFP/Ngan

Nach der US-Präsidentschaftswahl im November 2016 keimte aus dem ersten Schock die Hoffnung, alles werde halb so schlimm. Wahlkampf ist das eine, Regieren etwas ganz anderes. Diese Illusion hat Donald Trump der Welt schnell genommen. Ein Twittergewitter nach dem anderen – und keines davon ein reinigendes.

Der 45. US-Präsident brach mit allen Konventionen und vielen Freunden. Mühsam ausgehandelte und sorgsam austarierte Abkommen mit dem Iran, zum Klimaschutz oder zur Rüstungskontrolle fegte er vom Tisch, ohne bessere Alternativen anzubieten. Er sucht Handelsstreit mit China ebenso wie mit verbündeten Europäern, erklärt die Nato einmal für „obsolet“ und dann wieder so wichtig, dass sie erweitert werden müsse.

Einmal ist Wladimir Putin, dessen Internet-Trollen die Welt Trump möglicherweise zu verdanken hat, Freund, dann wieder Feind. Ins erratische Bild passt die freundschaftliche, allerdings auch nicht fruchtbare Beziehung zu Kim Jong-un, einem der schrecklichsten Diktatoren auf diesem Globus.

Gamechanger Covid-19

Während andere die bestehende Weltordnung durchaus berechtigt infrage stellen und nach einer besseren sinnen, stellt Donald Trump sie einfach auf den Kopf und zerbricht sich den seinen nicht über die Folgen des destruktiven Tuns.

Nachdem sich also die Hoffnung auf einen Präsidenten Trump, der sich wohltuend vom Wahlkämpfer Trump unterscheidet, zerschlagen hat, bleibt nur noch die auf ein Ende des Spuks nach der nächsten Wahl. Doch der Demokraten-Berg kreißte und gebar nur einen Greis, der Trump im MeToo-Schicksal verbunden ist und seiner Partei eine ähnliche Aufbruchsstimmung beschert wie Pamela Rendi-Wagner der SPÖ. Es schaute also trotz allem nicht schlecht aus für den Twitterator – bis ein neuer Akteur die politische Bühne betrat: Unsichtbar, aber allgegenwärtig und in seinem zerstörerischen Potenzial selbst Trump haushoch überlegen. Diesen Feind hat der Präsident erst übersehen, dann nicht ernst genommen. Zu spät begriff Trump, dass Covid-19 tatsächlich ist, was er in europäischen Autobauern erkannt zu haben glaubte: eine Bedrohung der nationalen Sicherheit. Und: seiner Wiederwahl.

„It’s the economy, stupid!“

Denn Bill Clintons Spruch hat noch immer Gültigkeit: „It’s the economy, stupid!“ Geht’s der US-Wirtschaft gut, geht’s dem US-Präsidenten gut. Momentan geht es der Wirtschaft auf der ganzen Welt infolge der Corona-Krise grottenschlecht. Aber die USA zählen zu jenen Ländern, in denen das Ausmaß der Krise auch auf schlechtes Regieren zurückzuführen ist. Ein Staatschef, der kein erkennbares Konzept, aber umso mehr durchgeknallte Ideen wie die Injektion von Desinfektionsmitteln hat, disqualifiziert sich selbst. Weil Millionen Amerikaner die Folgen dieser Politik gerade knallhart zu spüren bekommen, kann sich Trump nur noch auf seine Hardcorefans verlassen, die ihn auch wählten, schösse er vorm Weißen Haus jemanden über den Haufen.

Trump hat es eilig

Das weiß der Präsident auch, weshalb er die Wirtschaft schleunigst wieder hochfahren will, obwohl das die Infektionsentwicklung in den USA anders als in Europa oder Asien noch gar nicht hergibt. Trump hasardiert, weil ihm klar ist, dass er sich im Wahlkampffinale als Troubleshooter inszenieren muss, der zumindest auf ein sichtbares Licht am Ende des Tunnels verweisen kann. Solange die Arbeitslosenzahlen steigen und zig Millionen ohne Aussicht auf Besserung im krankenversicherungslosen Prekariat gefangen sind, macht Clintons geflügeltes Wort den Präsidenten flügellahm. It’s the economy, Donald!

Weltwirtschaftslokomotive

Es ist also klar: Die Hoffnung auf eine Abwahl Trumps wird sich umso eher erfüllen, je tiefer die USA in die Rezession stürzen. Aber wer kann sich wünschen, dass die amerikanische Weltwirtschaftslokomotive nicht schnell wieder unter Dampf kommt? An dieser Zugmaschine, die mit rund 21 Billionen Dollar fast ein Viertel des Bruttoglobalproduktes erbringt, hängen ungeachtet aller politischen Abkoppelungsversuche auch viele europäische Waggons. Einer anhaltenden Rezession in den USA infolge einer nicht bewältigten Coronakrise könnte sich der Rest der Welt auch mit noch so viel Koste-es-was-es-wolle-Engagement nicht entziehen. Dann wird kein Vergleich mit der großen Depression der 1930er Jahre mehr hinken – mit allen Konsequenzen, die sich heute niemand ausmalen mag.

Es bleibt also nur zu hoffen, dass die USA dieses Virus in den Griff kriegen und noch vor dem 3. November wieder auf den Wachstumspfad zurückkehren. Die Erfüllung dieses Wunsches könnte jedoch einen hohen Preis haben: Sobald die Amerikaner das Gefühl haben, es geht wieder aufwärts, werden auch Trumps Wiederwahlchancen steigen und sein katastrophales Krisenmanagement schnell vergessen sein.

Niemand mit gesundem Hausverstand ist erbaut ob der Aussicht auf vier weitere Jahre Albtrump. Doch das alternative Horrorszenario einer Weltwirtschaftskrise ungeahnten Ausmaßes ist auch kein verlockendes.

Von Manfred Maurer

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