Horvath, schlimm zur Ader gelassen

Premiere: „Geschichten aus dem Wiener Wald“ im Burgtheater

Sogar der Fleischhauer Oskar ist ein „Guter“: Nicholas Ofczarek mit Lili Winderlich, Sarah Viktoria Frick, Felix Rech
Sogar der Fleischhauer Oskar ist ein „Guter“: Nicholas Ofczarek mit Lili Winderlich, Sarah Viktoria Frick, Felix Rech © Matthias Horn

Es war die letzte große Premiere Wiens vor dem Lockdown – für drei Wochen werden die Häuser wieder gesperrt und aus dem Rhythmus, den sie nur mühevoll gefunden haben (unter schwerwiegender Absenz eines großen Teil des Publikums), wieder herausgerissen.

Wobei die Verschärfung für Wien, die von allen Geimpften und Genesenen (die anderen dürften ohnedies nicht in die Theater- und Opernhäuser) noch zusätzlich einen PCR-Test verlangten, gerade für drei Tage vor dem Lockdown galten.

Sollte man nach der Schließung weiter darauf bestehen, dem Publikum den Theaterbesuch dermaßen zu erschweren, werden sich manche Häuser überlegen, ob sie überhaupt öffnen sollen.

Ohne Horvaths Realismus

Ödön von Horvaths „Geschichten aus dem Wiener Wald“ sind ein Klassiker des österreichischen Theaters, immer wieder interpretiert, zunehmend „böser“ betrachtet – aber noch nie so völlig anders, wie es der flämische Regisseur Johan Simons unternahm. Dem Mann aus einem anderen Kulturkreis gelang die völlige Entfremdung eines Stücks von sich selbst. Als ob das lebendige Blut heraus gelassen wurde und die Leiche sich zuckend auf Bühnenbrettern bewegte.

Jegliches Milieu, jeglicher Realismus, die das Original immerhin so stark bestimmen, sind eliminiert. Auf einer mehr oder minder abstrakten Bühne fließen die einzelnen Szenen ineinander, wobei man bezweifeln muss, ob angesichts dieser vielfach willkürlich zusammen gestoppelten neuen Dramaturgie die reale Geschichte, die Horvath erzählt, auch für ein Publikum erkennbar ist, das das Stück vielleicht nicht kennt.

Wie meist bei Horvath geht es um das Schicksal einer jungen Frau, die an der Gesellschaft (hier allerdings nicht erkennbar) untergeht. Johan Simons hat so gut wie jede Figur des Stücks uminterpretiert. Die zarte junge Marianne, die sich nach ein bisschen Leben und Liebe sehnt, wird in Gestalt von Sarah Viktoria Frick zum lautstark protestierenden Berserker, ihr unzuverlässiger, bei Horvath so schillernder Liebhaber Alfred ist in Gestalt von Felix Rech kaum vorhanden. Sylvie Rohrer muss die so effektvolle Rolle der Trafikantin Valerie ebenso verschenken wie Gertrud Roll jene der mörderisch bösen Großmutter.

Der Abend brachte nach eineinhalbjähriger Pause, wo er sich aus Martin Kusejs Burgtheater absentiert hatte, die Rückkehr von Nicholas Ofczarek auf die Bretter „seines“ Hauses. In einer Inszenierung, die sich nicht – wie diese – bemüht hätte, alles mit Gewalt gegen den Strich zu bürsten, wäre er ein idealer Oskar gewesen, der Besitz ergreifende Fleischhauer, dessen Brutalität unverkennbar aus seinen scheinbar milden Worten leuchtet. Hier spielte er den „Bösen“ gewissermaßen als „Guten“, tat es aber so staunenswert überzeugend, dass er zum Mittelpunkt des Abends wurde,

Johan Simons hat zweifellos die Selbstzweck-Inszenierung geschaffen, die ihm vorschwebte. Allerdings hat er dabei dem Stück gänzlich sein Leben und seine Eigenart ausgetrieben. Wer die „Geschichten aus dem Wiener Wald“ gut kennt, wird sie hier nicht wiederfinden.

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