Huppert gastiert in „Der Kirschgarten“ bei den Festwochen

Der Kirschgarten besteht aus drei aus metallenen Rohren gebildeten, an Schienen verschiebbaren Bäumen, an denen fantasievolle Kristallluster hängen. Zwischen ihnen stehen jede Menge Gartensessel aus geflochtenem Plastik. – Das Bühnenbild von Fernando Ribeiro ist nicht das einzige Ungewöhnliche, mit dem diese Tschechow-Koproduktion aufwartet, die bis Sonntag in der Halle E des Wiener Museumsquartiers gastiert und am Donnerstag mit viel Applaus bedacht wurde.

Der künftige Leiter des Festival d‚Avignon, der Portugiese Tiago Rodrigues, hat diese Inszenierung im vergangenen Sommer im Cour d‘Honneur von Avignon herausgebracht. Er setzt auf ein diverses Ensemble, so dass man erst einige Zeit benötigt, um sich in den Figurenkonstellationen zurecht zu finden. Dass der neureiche Kaufmann Lopachin von einem Schwarzen gespielt wird (Adama Diop übernimmt gleich auch die Rolle des Spielansagers), verleiht der Geschichte um den alten Kirschgarten, der für eine vermorschte, handlungsunfähige und zunehmend verarmende Klasse von Besitzenden steht, universelle Gültigkeit und Zündstoff. Denn Lopachin ersteigert den Kirschgarten selbst, um ihn für Ferienhäuser zu parzellieren: Hier, wo sein Vater und Großvater als Sklaven gehalten wurden, wird er nun selber Herr sein.

Auch der Bruder und die Töchter der Gutsbesitzerin Ranjewskaja sind People of Colour – sie selbst jedoch ist eine Weiße. Nicht irgendeine, sondern Frankreichs Schauspiel-Superstar Isabelle Huppert. Sie bekommt einen fulminant inszenierten Auftritt, bei dem eine Baum-Plattform gleichzeitig als Eisenbahnzug und als Musik-Podium für eine zweiköpfige Combo dient. Nach fünf Jahren im Ausland hält sie buchstäblich Einzug in das Gut, in dem sie aufgewachsen ist. Sie hält mit exaltiertem Gehabe und demonstrativer Unruhe Hof, als spiele Geld keine Rolle. Doch das Gut ist pleite – und zu dem Geschäftsmodell, das ihr Lopachin vorschlägt, kann sie sich nicht durchringen: „Zu vulgär!“

Statt der üblichen Melancholie herrscht in Rodrigues’ etwas mehr als zweistündiger pausenloser Inszenierung demonstrative Fröhlichkeit und Betriebsamkeit, gelegentliche Musikeinlagen inklusive. Die in den Bäumen hängenden leuchtenden Luster verleihen diesem „Kirschgarten“ den Charakter einer schrägen Gartenparty, bei der sich manche der Gäste näherkommen. Wirklich nahe kommen einem die vielen kleinen Lebenstragödien, die Tschechow in sein Stück eingearbeitet hat, allerdings nicht. Viel Zeit für Details lässt der Regisseur seinem Ensemble auch in den Zweier-Szenen nicht.

Dafür darf der ewige Student Trofimov eine revolutionäre Rede halten, für die er sogar von Ranjewskaja und Lopachin Applaus erhält – für die engagierte Vortragsausführung allerdings, nicht für deren Inhalt. Die Bühnencombo allerdings weiß es besser. Einer ihrer Songs heißt „Ça va changer!“ Es wird sich ändern! Es hat sich tatsächlich vieles geändert in den 118 Jahren seit der Uraufführung des Stücks. Zuletzt leider nicht zum Besseren.

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(S E R V I C E – „La Cerisaie / Der Kirschgarten“, in der Halle E im Museumsquartier. Weitere Vorstellungen: 27., 28., 29.5., )

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