„Ich denke jeden Tag ans Sterben“

Die Königin der Performance-Kunst, Marina Abramovic, wird 75

Sie saß mehr als 700 Stunden lang schweigend auf einem Stuhl, sie schmiss sich gegen Wände und schnitt sich mit Rasierklingen blutig: In ihrer jahrzehntelangen Karriere hat sich Marina Abramovic, die am Dienstag 75 Jahre alt wird, zur umstrittenen, aber auch hoch geachteten Königin der Performance-Kunst hochgearbeitet. Die in Belgrad geborene Künstlerin hat das Genre eigentlich erst so richtig bekannt gemacht.

„Ich bin verantwortlich dafür, dass Performance-Kunst zum Mainstream geworden ist, denn vorher gab es auf diesem Gebiet niemanden“, sagte sie vor kurzem dem „Guardian“. „Über Performance-Kunst wurde sich lustig gemacht, das wurde nicht als Kunst angesehen. Mein ganzes Leben lang, 50 Jahre meiner Karriere hat es gedauert — aber jetzt ist Performance-Kunst Teil von Museen, Kultur und Sammlungen.“ Für ihre Kunst müsse man sich kein komplexes Vorab-Wissen aneignen. „Sie ist komplett emotional, trifft einen mitten ins Herz.“

Eines ihrer jüngsten Projekte, „7 Deaths of Maria Callas“, wurde gerade in München und Paris gefeiert. In dem Werk aus Musik, Gesang und Film inszeniert die Künstlerin an der Seite des US-Schauspielers Willem Dafoe ihren Tod. „Ich denke jeden Tag ans Sterben“, sagte sie dazu in einem Interview.

„Nur wenn man ans Sterben denkt, kann man das Leben voll genießen. Alles, was nicht wichtig ist, fällt weg, und man weiß, dass der Tod jede Minute kommen kann — man ist im letzten Akt.“ Diesen letzten Akt genieße sie aber sehr. „Meine Großmutter, die 103 geworden ist, hat mir gesagt, dass das Leben ab 70 wirklich interessant wird. Du bist frei zu tun, was immer du willst, und du hast alle Weisheit dafür.“

Sie ging an die Grenzen der Belastbarkeit

Geboren wurde Abramovic 1946 in Belgrad und wuchs zunächst bei ihrer Großmutter auf. Von 1965 bis 1970 studierte sie Malerei an der Akademie der Künste in Belgrad. 1976 verließ sie die Hauptstadt des damaligen Jugoslawien, weil sie unter der kommunistischen Herrschaft keine Perspektiven für ihre Kunst sah. Unter anderem in Frankreich, Deutschland und den USA entwickelte sie später radikale Performances, in denen sie oft bis an die Grenzen der Belastbarkeit ihres Körpers — und darüber hinaus — ging.

Rund ein halbes Jahrhundert, nachdem sie ihre Heimat verlassen hatte, kehrte sie 2019 mit der Retrospektive „The Cleaner“ zurück nach Belgrad, wo sie vor allem jüngeren Menschen zeigen wollte, was sie all die Jahre im Ausland gemacht hat. „Ich möchte, dass sie meine Arbeit spüren lässt, wie wichtig es ist, Risiken einzugehen und (…) große Träume zu haben, egal was passiert.“

Weltbekannt wurde die Künstlerin mit ihrer Performance „The Artist is Present“ 2010 im Museum of Modern Art New York (MoMA). Damals saß sie mehr als 700 Stunden schweigend auf einem Stuhl und lud die Besucher ein, ihr gegenüber Platz zu nehmen.

Die Zeit der Pandemie verbrachte Abramovic auf dem Land nahe New York mit Gärtnern, Schwimmen, Tieren und Yoga. „Ich habe das Gefühl, dass ich in der besten Phase meines Lebens angekommen bin. Ich trinke nicht, rauche nicht, nehme keine Drogen und mache jeden Morgen fünfzig Minuten Yoga“, sagte die vielfach ausgezeichnete Künstlerin. Für ihre Beerdigung wünscht sie sich ein fröhliches Fest.

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