„Ich habe kein Problem mit dem Kopftuchverbot“

Muslimische Politologin Elham Manea warnt vor den Auswüchsen des politischen Islam

Elham Manea: Frage mich, ob ich nicht naiv bin mit meiner Liberalität...Beim Kopftuch geht es um Beherrschung...
Elham Manea: Frage mich, ob ich nicht naiv bin mit meiner Liberalität... © ÖIF

Die arabischstämmige Politologin Elham Manea klärte in Wels bei einem Seminar des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) über „Anzeichen für Radikalismus und Extremismus“ auf.

Das VOLKSBLATT traf die für einen aufgeklärten Islam kämpfende Muslima.

VOLKSBLATT: Sie treten für einen fortschrittlichen Islam ein. Was kennzeichnet diesen?

Zur Person

Elham Manea

Die 1966 in Ägypten geborene Tochter eines Diplomaten hat Politikwissenschaften in Kuwait und den USA studiert. Sie arbeitet heute als Privatdozentin an der Universität Züric., Die jemenitisch-schweizerische Doppelstaatsbürgerin setzt sich für einen humanistischen, säkularen Islam ein und ist Mitglied im Vorstand des eidgenössischen Forums für einen fortschrittlichen Islam (FFI). In Berlin hat sie die Ibn-Rushd-Goethe-Moschee mitbegründet, die einen liberalen Islam praktiziert und mit der türkischstämmigen Frauenrechtlerin Seyran Ates über eine Imamin verfügt. Maneas jüngstes Buch trägt den Titel: „Der alltägliche Islamismus — Terror beginnt, wo wir ihn zulassen“ (Verlag Kösel, München, ISBN: 9783466372126).

ELHAM MANEA: Das ist eine Religion, die sich auf das Spirituelle konzentriert und mit ihrer Umgebung in Frieden ist. In dieser Lesart von Religion betrachte ich meine Freiheit als Mensch, Trennung von Staat und Religion als zentral. Die religiösen Texte werden in ihrem historischen Kontext gesehen und man sagt auch klar: es gibt Sachen, die wir heute nicht mehr akzeptieren.

Warum gibt es – zumindest auf offizieller Ebene – in islamischen Communities keine kritische Selbstreflexion?

Es braucht Zeit. Denken Sie daran, wie das Christentum aussah, als es 1400 Jahre alt war.

Das heißt, es braucht noch ein halbes Jahrtausend, bis sich der aufgeklärte Islam durchgesetzt hat?

Hoffentlich nicht. Aber es braucht Zeit. Der Arabische Frühling 2011 war – mit der Ausnahme Tunesien — politisch eine Katastrophe. Studien belegen aber, dass sich viele Muslime große Fragen stellen in Bezug auf die Stellung der Frau und die Rolle der Religion. In westlichen Ländern, auch hier in Österreich, merkt man dagegen eine Tendenz, wo jugendliche Muslime nicht nur konservativer, sondern teils fundamentalistischer als ihre Eltern und Großeltern leben.

Woher kommt das?

Das ist Politik. Ich habe auch bei dem Seminar hier in Wels die Frage gestellt: Mit wem arbeitet man zusammen? Man arbeitet mit den am besten organisierten Gruppierungen, die über viele Ressourcen verfügen.

Das ist zum Beispiel hier in Oberösterreich die Islamische Föderation (Alif), sprich: Milli Görüs.

Milli Görüs ist ursprünglich von der Muslimbruderschaft inspiriert und wird in einigen deutschen Bundesländern vom Verfassungsschutz überwacht. Ich frage mich, warum gibt man ausgerechnet einer solchen Gruppe Einfluss?

Warum ist das so?

Es gibt Politiker, die aus Naivität, aus politischem Kalkül mit diesen Gruppen kooperieren, weil sie sich Wählerstimmen erhoffen.

Ich erlebe bei Recherchen immer wieder, dass manche Politiker oder Kirchenvertreter nicht oder ausweichend reagieren, wenn sie auf antisemitische Vorfälle in solchen Vereinen hingewiesen werden. Ist weniger das Erkennen des Radikalismus das Problem als die mangelnde Bereitschaft, sich ihm zu stellen?

Es gibt eine Angst von christlichen und anderen religiösen Gruppierungen, die finden, es ginge mit der Säkularisierung zu weit. Deswegen benutzen sie auch den Islam als Verbündeten und auch als Ausrede, indem man sagt, man müsse die Rechte der Muslime schützen. Aber indirekt verteidigen sie ihre eigenen Interessen.

Beim Kopftuch geht es um Beherrschung...
Beim Kopftuch geht es um Beherrschung… © akulamatiau – stock.adobe.com

Was halten Sie davon, dass in Oberösterreich der Milli-Görüs-Vorsitzende Religionslehrer an einer öffentlichen Schule ist?

Ich kenne diese Person nicht. Aber ich weiß, dass Milli Görüs inspiriert ist vom politischen Islam. Und ich bin der Meinung, dass diese Form von Islamismus nicht mit Kindern arbeiten sollte.

Sie haben sich vor zehn Jahren vor einem Referendum in der Schweiz gegen das dann beschlossene „Minarettverbot“ ausgesprochen. Wie stehen Sie zum Kopftuchverbot für Mädchen an österreichischen Volksschulen.

Bei Kindern habe ich kein Problem mit dem Verbot. Wir sprechen von Kindern, die nicht in der Lage sind, selbst zu entscheiden. Und beim Kopftuch geht es um die Beherrschung des weiblichen Körpers. Ich habe einen Fall in einer Schule in Antwerpen dokumentiert, wo eine Schuldirektorin ein Kopftuchverbot abgelehnt hat. Nach drei Jahren führte sie es ein, weil sie sagte, sie müsse ihrer Mädchen vor Extremismus schützen.

Die Islamische Glaubensgemeinschaft argumentiert allerdings, das Kopftuchverbot sei diskriminierend.

Es ist nicht diskriminierend. Bei aller Religionsfreiheit muss es auch die Möglichkeit geben, bestimmte Erscheinungen von religiösen Auswüchsen zu unterbinden.

Wie schaut es mit einem Kopftuchverbot in allen Schulen und für Lehrerinnen aus?

Ich habe Verbote nicht gern, aber ich möchte, dass Trennung von Staat und Religion klar ist. Das heißt: Menschen in einer Position, in der sie den Staat repräsentieren, sollen ihre religiösen Symbole nicht zeigen. Für mich spielt es dabei keine Rolle, ob es um Kopftuch, Kreuz oder Kippa geht. Ich muss aber betonen: Es ist eine neue Erscheinung, dass man darauf beharrt, dass Kinder das Kopftuch tragen. Hier merkt man, da gibt es eine Ideologie, die dahinter steht. Das Kopftuch kann aus verschiedenen Gründen getragen werden, es muss nicht immer religiöse Gründe haben, aber wegen des Hintergrundes der systematischen Arbeit von islamistischen Gruppierungen, den Mädchen erleben, ist es wichtig, für sie einen sicheren Ort zu schaffen, bis sie selbst entscheiden können.

Im Wahlkampf wird ein Verbot des politischen Islam diskutiert. Wie stehen Sie dazu?

Ich frage mich, ob es zielführend ist. Ich komme aber langsam zu einem Punkt, wo ich sage, vielleicht sollen wir uns überlegen, ob nicht die Zeit gekommen ist, dass solche Organisationen verboten werden. Ich frage mich auch, ob ich nicht naiv bin mit meiner Liberalität. Ich habe ja auch keine Hemmung, mich gegen eine Nazi-Gruppierung zu positionieren.

Wenn Sie so einen Vergleich ziehen, werden Milli Görüs und Konsorten heftigst protestieren.

Die haben totalitäre Ansichten. Das ist nicht nur eine Meinung, Experten stufen Milli Görüs so ein.

Was ist die größere Bedrohung: islamistischer Terror oder legalistischer Islamismus, der den Rechtsstaat für seine Ziele nützt?

Der legalistische Islamismus ist eine große Gefahr. Die, die Gewalt ausüben, sind eine Minderheit. Aber wer ebnet den Boden für diesen Schritt? Dafür ist die religiöse Ideologie verantwortlich, die Menschen von der Mehrheitsgesellschaft abgrenzt. Das sollte man ernst nehmen. Zum Tango braucht es aber zwei: Für die Integration benötigt es die Zusammenarbeit von allen.

Mit ELHAM MANEA sprach Manfred Maurer

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