„Ich habe mich recht oft am Klavier verspielt“

    Josef Hader im VOLKSBLATT-Interview über seinen neuen Film „Arthur & Claire“, Sterbehilfe, Freundschaft und Coffeeshops

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    „Ich bin eher darin talentiert, dass ich Dinge, die ich nicht ändern kann, einfach passieren lasse“, ist Josef Hader das Gegenteil seiner Filmfigur Arthur.
    „Ich bin eher darin talentiert, dass ich Dinge, die ich nicht ändern kann, einfach passieren lasse“, ist Josef Hader das Gegenteil seiner Filmfigur Arthur. © Röbl

    Im Vorjahr hat Josef Hader mit „Wilde Maus“ den erfolgreichsten österreichischen Film inszeniert. Und er überzeugte als Stefan Zweig in „Vor der Morgenröte“. Jetzt kommt er mit „Arthur & Claire“ in die Kinos. Er spielt einen an Lungenkrebs leidenden Mann, der in Amsterdam Sterbehilfe beanspruchen will, dort aber die mit Selbstmord kokettierende Claire kennenlernt.

    VOLKSBLATT: Sind Sterbehilfe und Selbsttötung Themen, mit denen Sie sich öfters befasst haben?

    HADER: Nein, und zwar deswegen, weil ich denke mir, entweder sterbe ich unerwartet, dann brauch‘ ich es mir nicht überlegen, oder ich werde schwer krank, dann kann ich mir das noch immer überlegen. Dann würde ich gute Palliativärzte aufsuchen und fragen, ob sie mir ein paar lustige Sachen geben, damit ich sanft hinübergleite. Das wäre mein Weg.

    Sind solche Entscheidungen, wie sie Arthur trifft, für Sie nachvollziehbar?

    Das eine ist, dass Arthur ein Mensch ist, der alles kontrollieren und in der Hand halten will. Das ist nix, was mich auszeichnet. Ich glaube, dass ich eher ganz talentiert darin bin, dass ich Dinge, die ich nicht ändern kann, einfach passieren lasse. Das andere ist, dass Arthur jemand ist, der eigentlich aufgrund seiner Krankheit damit rechnen muss, dass er irgendwann ganz banal erstickt. Und das ist ein gewichtiges Argument für seine Entscheidung. Diese Atemnot ist etwas, das ich den ganzen Film über zu vermitteln versuche.

    „Arthur & Claire“ ist eine Tragikomödie. Gleich zu Beginn erklärt Arthur im Flugzeug einem Buben, dass sein Hirn langsam von der Decke tropfen werde, wenn er sich nicht anschnallt. Wie leicht fällt Ihnen schwarzer Humor?

    Das weiß ich nicht, ich habe mich nie damit auseinandergesetzt, wie leicht mir Humor fällt, weil ich für meine Arbeit mit so Begriffen wie schwarzer Humor gar nichts anfangen kann. Ich versuche, egal, ob ich als Kabarettist arbeite oder als Drehbuchautor, einfach Geschichten zu erzählen und die haben automatisch eine bestimmte Färbung, mit der ich mich aber nicht näher beschäftige, weil ich es einfach mache. Dadurch muss ich mich das nicht fragen.

    Das heißt, es muss spontan rauskommen?

    Genau, das heißt, dass man das nicht versucht technisch zu beobachten oder auszurechnen, was man macht. Das ist, glaube ich, vor allem wichtiger, je älter man wird. Da muss man versuchen, die Berechnung, die ja automatisch wächst, weil man bestimmte Dinge besser kann, fallen zu lassen und möglichst hintanzuhalten.

    Im Hotel in Amsterdam verhindert Arthur die Selbsttötung von Claire. Warum gesteht er ihr nicht zu, was er selbst in Anspruch nimmt?

    Weil sie jung und gesund ist. Er ist empört, dass jemand, der jung und gesund ist, seinem Leben ein Ende setzen will. Er empfindet das als Verhöhnung, weil er sterben muss.

    … wobei sie psychisch angeschlagen ist.

    Das ist ihm wurscht, da sagt er, das sei Mädchenkram. Er lernt erst im Laufe des Abends, sich ein bisserl von seiner Egomanie zu lösen und sich zu fragen, warum sie traurig ist. Das ist ein Lernprozess.

    Für mich ist „Arthur und Claire“ nach turbulentem Beginn eine wunderbare Annäherung, ein Liebesfilm. Haben sie dieses Genre für sich entdeckt?

    Ich habe eher das Gefühl, dass es die Geschichte einer speziellen Freundschaft ist. Ich glaube nicht, dass es so viel mit der Liebe zwischen Mann und Frau zu tun hat, sondern dass es Freundschaft ist. Wir haben auch versucht, es so zu erzählen. Und ich glaube, dass es auch das Besondere an der Geschichte ausmacht, dass es nicht um eine normale Liebesbeziehung geht.

    „Du bist für mich wie ein Engel, der mich abholt“, sagt Arthur zu Claire. Wie schwierig ist es, Emotionen wie diese glaubwürdig zu bringen?

    In dem Moment ist es eher schwierig, glaubwürdig bekifft zu sein, weil das bei Dreharbeiten sehr schlecht ist, wenn man alkoholisiert einen Besoffenen spielt oder sich einraucht. Das kann nicht gut gehen. Das muss man irgendwie herstellen — und das ist die Schwierigkeit dieses Satzes, nicht der Inhalt.

    Die Szene im Coffeeshop wirkt sehr realistisch.

    Ja, Gott sei Dank, das ist irgendwie immer ein Versuch, wenn man etwas ausprobiert und erst am Ende weiß, ob das glaubwürdig war oder nicht. Wahrscheinlich weiß man es nicht einmal dann. Selber beurteilt man sich wahrscheinlich nicht richtig. Wenn ich den Film am Anfang im Kino sehe, schaue ich eher auf die Fehler als auf die Dinge, die gelungen sind.

    In Hannah Hoekstra haben Sie eine wunderbare Partnerin. Wie habt Ihr zu einer guten Chemie gefunden?

    Das war völlig ohne Leistung. Wir waren zusammen, haben die ersten Proben gehabt und sofort gewusst, dass wir eine ideale Besetzung sind.

    Ihr musiziert ja auch miteinander, in einer Bar in Amsterdam, wo Sie am Klavier klimpern und sie dazu singt. Gibt es diese berührende Szene auch im Theaterstück — oder habt Ihr die erfunden?

    Na, das ist eine Szene, die ist im Film dazugekommen. Es ist eine gewisse Gratwanderung, dass sie ja nicht zu kitschig wird. Ich habe versucht, mich recht oft am Klavier zu verspielen. Ich habe mir gedacht, so ist es weniger kitschig.

    Wieviel wurde an der Vorlage, am Theaterstück verändert?

    Das Theaterstück ist ziemlich verändert worden. Das waren ganz viele Dialoge, die ganz philosophisch waren, über Gott und die Welt. Und das ist in einem Theaterstück leichter zu behaupten als in einem Film. Da denkt man sich immer: Haben die keine anderen Sorgen? Insofern haben wir durchwegs neue Dialoge erfunden.

    Claire meint, sie spreche diesen schrecklichen Rudi-Carrell-Akzent. Fühlt sich Arthur davon angezogen?

    Ich denke mir, wenn so jemand wie Claire im Film ist, dann ist der Dialekt zweitrangig, ich denke mir, da würde sogar Sächsisch funktionieren.

    Von Ihnen stammt der erfolgreichste heimischen Film 2017. Werden die Erwartungen größer?

    Die Erwartungen können ruhig größer werden, aber nicht in quantitativer Hinsicht, weil den Stress gebe ich mir nicht. Ich habe nicht das Ziel, dass ein Film immer mehr Zuschauer haben muss. Ich finde eher, dass man versuchen soll, immer mehr Dinge wegzulassen und immer mehr an etwas heranzukommen, das ich gar nicht definieren kann. Ich glaube, dass man immer elementarer oder existenzieller wird, obwohl man weitestgehend doch Komödie macht. Das wäre der Spagat, wo man immer besser werden möchte.

    INTERVIEW: PHILIPP WAGENHOFER