„Ich liebe Stein“: Bildhauer Franz Rosei ist 75

Seit 50 Jahren arbeitet Rosei mit dem Material Stein © APA/ROBERT JAEGER

Seine Steine sind ausdrucksstark und majestätisch zugleich. So schwer und starr sie in ihrer Materialität sind, so lebendig wirken sie, wenn sie glatt poliert und hoch aufgerichtet dem Betrachter entgegenzutreten scheinen. Geschaffen hat sie Franz Rosei. Der jüngere Bruder des Autors Peter Rosei ist einer der wichtigsten österreichischen Bildhauer der Gegenwart. Heute, am 2. Juli, feiert er seinen 75. Geburtstag. Die APA hat ihn in seinem Atelier in Wien-Oberlaa besucht.

In einem ehemaligen Winzerhaus hat der Wiener das ideale Refugium gefunden. Wo früher Weinfässer gelagert waren und eine Schank das Vorstadtpublikum zum Verweilen einlud, befinden sich nun Wohn-, Arbeits- und Ausstellungsräume. Hier befinden sich nicht nur jene Skulpturen, die der Bildhauer gerade in Arbeit hat, sondern auch die wesentlichen Teile eines Lebenswerks, das Respekt abringt. Früh entschied sich der Künstler, der an der Akademie für Angewandte Kunst keramische Plastik studierte und zunächst mit Betonguss experimentierte, dafür, sich auf Stein zu konzentrieren.

Verantwortlich für diesen Materialwechsel war Alfred Hrdlicka, der Rosei den Stein als das für ihn ideale Medium ans Herz legte. Doch nicht nur ästhetisch unterschieden den figurativen und hoch expressiven Polit-Künstler und den abstrakt arbeitenden, zurückhaltenden Abstrakten Welten. „Hrdlicka ist die Steine bei der Arbeit richtig angesprungen“, erzählt Rosei – ein massiver Kräfteeinsatz, der starke körperliche Spuren hinterließ. Im Vergleich dazu geht Rosei geradezu zärtlich mit seinen Steinen um, er sprengt sie nicht in Form, sondern schleift sie zurecht.

Auch nach über 50 Jahren Arbeit am Stein wirkt er körperlich fit. „Aufs Kreuz muss ich schon aufpassen“, räumt der Bildhauer ein. Das hat damit zu tun, dass seine Objekte bald einmal 500 Kilogramm auf die Waage bringen. Wer da beim Bewegen der Stücke nicht größte Umsicht und den richtigen Technikeinsatz walten lässt, muss das bitter büßen. Rund acht Monate verbringe er durchschnittlich mit einem Stein, „bis ich spüre, es ist zu Ende“, schätzt Franz Rosei. Es gebe zwar ein zeichnerisches Rohkonzept, „das sich immer weiter einengt“, doch das Material entfalte bei der Arbeit auch ein Eigenleben, das es zu respektieren gelte.

Rosei arbeitet mit Sandsteinen, Kalken oder Marmoren, etwa mit Forellenmarmor, der von roten Punkten durchzogen ist. „Ich liebe Stein – in jeder Form. Es ist schön, mit einem so edlen, aber auch mit einem so alten Material zu arbeiten.“

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Wenn Franz Rosei über seine Steine spricht, muss man unweigerlich an den 2010 verstorbenen Bildhauer Karl Prantl denken, der über seine Skulpturen ebenso zärtlich sprechen konnte. Er habe ihn sehr geschätzt, sagt Rosei, doch als „Meditationssteine“ möchte er seine Werke nicht sehen. Sie sind nicht symbolisch, metaphorisch, sondern konkret. Formen, die keinen Körperbezug aufweisen, sondern sich selbst darstellen. „Es sind keine Torsi – es ist immer alles!“ Und die Bildhauersymposien, bei denen Prantl Kollegen aus nah und fern im Burgenland versammelte, habe er bald gemieden. Mit den dort erlebten Trinkgelagen und Konkurrenzgehaben habe er nie etwas anfangen können. „Schon an der Akademie ist mir klar geworden, dass ich alleine arbeiten muss.“

An die 65 Steine sind in Roseis Atelier versammelt – eine „Familie“ nennt es Bruder Peter. Aber auch etwas mehr als ein Dutzend Bronzen stehen hier. 1984 habe er sich erstmals an Bronzeguss versucht, erzählt der Künstler. „Es ist eine ganz andere Sprache, die dabei gefragt ist.“ Eines haben die Materialien jedoch gemeinsam: Sie eignen sich nicht für eine Aufstellung unter freiem Himmel. Die von ihm verwendeten Steine würden rasch von der Säure des Regens angegriffen – und öffentlich aufgestellte Bronzen liefen Gefahr, des reinen Materialwerts wegen gestohlen zu werden, schildert er.

2001 gab es im Historischen Museum der Stadt Wien die letzte umfassende Retrospektive von Franz Rosei. Zum 75er gibt es in keinem Museum eine große Würdigung. Die Albertina etwa habe lediglich einige Zeichnungen, doch keine einzige seiner Skulpturen, erzählt der Künstler. „Ich habe halt keine Seilschaften. Aber ich bin zufrieden. Das Wichtigste ist mir: Ich kann in Ruhe arbeiten.“

Im September soll Franz Rosei im Jesuitenfoyer eine kleine Ausstellung gewidmet werden. Und noch vor seinem Geburtstag ist im Verlag Müry Salzmann eine schöne Monografie erschienen. Neben Fotos seiner Skulpturen und Ausstellungen sowie Abbildungen von Zeichnungen findet sich darin ein informatives Gespräch mit dem Künstler. Zudem hat Peter Rosei einige Essays beigesteuert. „Wenn man einer Ansammlung von Figuren meines Bruders gegenübertritt, sei es bei einer Ausstellung oder im Atelier, stellt sich zuerst der Eindruck der Schönheit ein, einer, je nach dem Licht, strahlenden, leuchtenden oder nur sanft glänzenden Schönheit, die etwas Fließendes und vielleicht Glattes hat, hervorgerufen durch die Farbigkeit der Steine, ihrer Kostbarkeit – eine Kostbarkeit der Oberflächen -, durch die harmonische Abgestimmtheit der Proportionen“, heißt es da.

Anders als der Bildhauer liest der Literat Geschichten aus den Steinen: „Man könnte die Skulpturen meines Bruders solcherart als eine Art von Schrift oder Tagebuch auffassen, als Lebensbericht auch oder, besser noch, als fortwährend addierte Summe. So fasst sich das Erlebte und Gedachte jeweils zusammen, steht da, bleibt zurück – wie Kilometersteine an einer Straße.“ Und so kann auch der 75. Geburtstag als eine Station gelesen werden: ein kurzes Innehalten auf einer Reise, die weitergeht.

Franz Rosei: „Das OEuvre“, Mit Texten von Peter Rosei und einem Gespräch von Claudia Sihler-Rosei mit Franz Rosei, Müry Salzmann, 240 S., 38 Euro

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