„Ich möchte den Mainstream verlassen“

Der designierte Burgtheater-Direktor Martin Kusej über neue Ideen, sexuelle Belästigung und Geld

Martin Kusej übernimmt mit nächster Saison die Agenden des Wiener Burgtheaters.
Martin Kusej übernimmt mit nächster Saison die Agenden des Wiener Burgtheaters. © APA/R. Schlager

Im September tritt der in Wolfsberg (Kärnten) geborene Martin Kusej (57) als Direktor des Wiener Burgtheaters an.

Ihr Vorvorgänger Matthias Hartmann hat bei seinem Antritt gemeint: „Sie wollten das Beste, und Sie kriegen es auch“ …

KUSEJ: Können wir diese Zeit einfach ausblenden und darüber nicht weiter reden, bitte?

Das können wir, wenn Sie möchten — denn die Frage lautet: Was kriegen die Wiener mit Ihnen?

Das werde ich Anfang Juni erzählen. Es kann aber nicht wirklich völlig überraschend sein. Erstens kennt man meine Arbeit in Wien, zweitens kann man sehen, was ich in München gemacht habe. Das Residenztheater ist auch ein ziemlich großes Theater, das ich acht Jahre geleitet habe. Ich glaube, das ist recht erfolgreich und gut gelungen. Jetzt geht es vielleicht noch einen kleinen Schritt, eine halbe Treppe höher. Ich möchte Dinge ausprobieren, von denen ich glaube, dass man sie jetzt tun muss, neue Richtungen und Ästhetiken suchen, den üblichen Mainstream verlassen und mich noch einmal einem gewissen Risiko aussetzen.

Was wird anders am Burgtheater?

Vor allem werden es neue Regiehandschriften sein. Sie kommen aus ganz Europa. Davon kann man gerne ableiten, dass mich der europäische Gedanke vor allem im theatralischen, künstlerischen Zusammenhang interessiert. Ich erlebe, dass sich Wien zu einer unglaublich lebendigen und spannenden Metropole entwickelt hat — das muss sich im Theater widerspiegeln. Wien ist definitiv mehr als nur Deutsch oder Österreichisch.

Soll diese Vielsprachigkeit künftig nicht nur vor dem Burgtheater oder im Zuschauerraum, sondern auch auf der Bühne zu hören sein?

Das kann ich mir durchaus vorstellen. Das Burgtheater ist eines der größten und wichtigsten Theater, vor allem was die Sprache und die Qualität der Schauspieler betrifft. Ich habe bei meinen Inszenierungen, die ja in ganz Europa stattgefunden haben, immer wieder Schauspielerinnen und Schauspieler kennengelernt, die so gut und so faszinierend waren, dass sie einen Platz auf den Bühnen des Burgtheaters einnehmen könnten. Und es würde mich nicht stören, wenn ihr Deutsch einen Akzent hätte. Oder dass sie gar ganz in einer anderen Sprache spielten. Stellen Sie sich etwa vor, dass John Malkovich den Hofreiter in Schnitzlers „Weitem Land“ auf Englisch spielt — ich bin sicher, dass die Bude voll wäre und alle würden es verstehen.

Aufsehen erregt haben Ihre Kündigungen im Burgtheater-Ensemble. Sie haben davon gesprochen, von 65 Ensemblemitgliedern 20 auszutauschen. Wer kommt mit Ihnen nach Wien?

Es sind 19 Nicht-Verlängerungen, die ich ausgesprochen habe — ein moderater Schnitt, wie ich denke. Im Prinzip ein normaler Vorgang, der für die Betroffenen sicher nicht einfach ist. Vom Residenztheater werde ich zehn, elf Schauspieler nach Wien mitbringen, der Rest wird aus anderen Ensembles kommen. Ein paar Spielerinnen und Spieler kommen gar nicht aus dem deutschen Sprachraum — aus Island, aus Italien oder Israel … Was gibt’s noch an Ländern mit I?

Der häufigen Kritik, dass sich die Vielfalt der heutigen Gesellschaft nicht mehr am Theater abbildet, werden Sie also auch personell begegnen?

Ja, das ist aber nicht so einfach. Ich kann für gewisse Quoten nicht die Qualität sausen lassen. Deshalb ist der Suchprozess sehr kompliziert.

Sie starten Ihre Intendanz mit „Nathan der Weise“ in der Inszenierung von Ulrich Rasche?

Ich bestätige gerne, dass es dieses Gerücht gibt.

In „Der nackte Wahnsinn“ haben Sie einiges an aktuellen gesellschaftlichen Debatten eingearbeitet: sexuelle Belästigung, angstfreies, wertschätzendes Arbeiten, Geschlechterparität … Wie wichtig sind Ihnen diese Themen?

Solange ich arbeite und denke — nicht nur als Künstler, sondern auch als Mensch und Chef —, sind das für mich Grundregeln. Ich finde die Debatte so lange berechtigt, wie es offensichtlich immer noch konkrete Vorkommnisse und Gepflogenheiten gibt — wie man etwa jetzt in Wien mit dieser Ballettgeschichte an der Oper sieht. In meiner bisherigen Leitungsarbeit habe ich, wenn sich Dinge wie sexuelle Belästigung ereignet haben, sehr rasch und sehr konsequent darauf reagiert.

Wie ist Ihre Gesprächsbasis mit Kulturminister Gernot Blümel?

Die ist ausgezeichnet. Aus Bayern, wo ja die CSU regiert, bin ich gewohnt, mit dem zuständigen Minister ein gutes Einvernehmen zu haben. Im übrigen bin ich selbstverständlich Demokrat und akzeptiere die Verhältnisse, wie sie sich durch freie Wahlen ergeben haben. Dennoch sehe ich mich als jemand, der seine Kritik abgeben wird — freie Meinungsäußerung und Diskurs definieren ja Demokratien und liberale Gesellschaften. So weit ich weiß, leben wir immer noch in einer solchen!

Laut Bundestheater-Holding-Chef ist der Spielbetrieb nur noch bis einschließlich 2020/21 gesichert …

Das Burgtheater hat ja in den vergangenen fünf Jahren gigantische Schulden ausgeglichen. Jetzt ist Ende, denn es gibt kein Tafelsilber mehr zu verkaufen.

Unter Martin Kusej wird also nicht eingespart, sondern ausgeben werden?

Einsparen geht definitiv nicht mehr. Das wäre Lähmung. Da hat keiner was davon. Aber ich bin auch ein vernünftiger Direktor, der zusammen mit seinem kaufmännischen Geschäftsführer das Beste aus dem machen wird, was wir zur Verfügung haben.