„Ich spiele Leute, deren Geschichten man nicht erzählen würde“

Thomas Schubert ist ein Naturtalent — Das hat ihm eine Ophüls-Preis-Nominierung gebracht

Thomas Schubert (27) ist per Zufall zur Schauspielerei gekommen — und erfreulicherweise dabei geblieben.
Thomas Schubert (27) ist per Zufall zur Schauspielerei gekommen — und erfreulicherweise dabei geblieben. © Agentur Fürst

Durch Zufall kam Thomas Schubert als damals 17-Jähriger zum Casting von Karl Markovics’ Film „Atmen“und zur Schauspielerei. Für seine Darstellung bekam er den Österreichischen Filmpreis. Dem Beruf blieb der Wiener treu, spielte seither u. a. in „Das finstere Tal“und „Wilde Maus“ und ist nun für seine Rolle in „Windstill“ für den Max Ophüls Preis nominiert.

VOLKSBLATT: Sie haben nach Ihrem Schauspiel-Debüt die Schule abgebrochen. Was hat Sie damals zu der Entscheidung gebracht?

THOMAS SCHUBERT: Das muss irgendwann in dem Jahr, wo „Atmen“ rausgekommen ist, gewesen sein. Wir waren mit dem Film ja international bei über 30 Festivals eingeladen. Ich habe ein Doppelleben geführt. Ich war einmal die Woche international unterwegs, in Russland, in Australien … Und bin dann zurück in die Schule und habe für die Schularbeiten gelernt. Und anstatt dann die 8. Klasse noch mal zu machen, noch ein Jahr zu warten, habe ich gedacht: Ich mach’ das jetzt, fange sofort an!“

Karl Markovics als Regiedebütant, sie als Schauspielneuling. Wie hat das funktioniert bei „Atmen“?

Das Ergebnis steht ja. Ja, das hat sehr gut funktioniert. Karl Markovics war ja nicht neu beim Film, er hat schon genau seine Vorbilder gekannt, hat gewusst, von welchen Regisseuren er sich Inspiration holt, was sein Regiestil sein soll. Dazu hat er viel Schauspielerfahrung gehabt. Dementsprechend hat er sich zugetraut, jemanden, der noch überhaupt keine hat, zu führen und dem das zu zeigen. Es war ihm damals einfach wichtiger, diesen 17-Jährigen wirklich mit einem Teenager zu besetzen, statt mit einem Mitte 20-jährigen Schauspielschulabsolventen.

Greifen Sie heute noch darauf zurück, was Sie damals bei ihm gelernt haben?

Auf jeden Fall! Vor allem diesen Stil dieses natürlichen Spielens, den er ganz stark wollte. Zwischendurch habe ich geglaubt, dass ich den verloren habe, weil ich auch sehr, sehr überspitzte und exhibitionistische Figuren gespielt habe. Aber das ist etwas, was ich auch bei dem aktuellen Film „Windstill“ wieder für mich entdeckt habe und was ich auch versuche, mir beizubehalten. Weil sich vieles damit ganz stark vermitteln lässt und es für viele Projekte perfekt ist.

Ist das auch das Spiel, in dem Sie sich am wohlsten fühlen? Auch bezüglich der Rollen, die Sie gerne spielen.

Ja, das kann man schon sagen. Das ist auf jeden Fall meine Stärke und das, was ich am liebsten mache.

Nach welchen Gesichtspunkten wählen Sie denn aus, wenn Projekte an Sie herangetragen werden?

Das ist wirklich jedes Mal anders. Es muss entweder eine gute Story sein, gute Regisseure oder eine gute Figur.

Was war ausschlaggebend für „Windstill“?

Dass es eine Figur ist, deren Geschichte man normalerweise nicht wirklich erzählen würde. Was, glaube ich, auch ganz stark mein Metier ist. Ich glaube, so kann man mein Rollenfach irgendwie auch sehr gut zusammenfassen: Ich spiele Leute, deren Geschichten man normalerweise nicht erzählen würde.

Es wird in dem Film ja eine junge Generation ganz abseits von Klischees, wie dem Selbstdarstellungszwang in sozialen Medien, erzählt. Kommt Ihnen das entgegen?

Ich glaube, das kommt mir sehr stark entgegen. Auch aus einer Position heraus, die sich viele nicht leisten können, habe ich diesen Selbstdarstellungszwang nie gehabt. Ich habe früh in meiner Arbeit schon sehr viel Aufmerksamkeit bekommen, was natürlich ein absoluter Luxus ist. Ich bin dem aber auch immer kritisch gegenübergestanden, weshalb mir so eine Figur deutlich näher liegt.

Die Figuren haben zu dem Zeitpunkt, wo wir dazukommen, keine Ideale mehr, alle Träume sind verschwunden. Kennen Sie das auch — an einen Punkt zu geraten, wo man fast resignieren muss?

Ja, absolut. Es ist halt anders als bei diesem Film, wo man einsteigt und merkt, diese Figuren haben den Punkt schon erreicht. Im echten Leben merkt man das ja oft nicht. Sei es etwa in einer Beziehung, die eigentlich schon lang nicht mehr funktioniert. Da braucht es dann einen Katalysator, einen Zwischenfall, der einem das vor Augen hält. Einen Moment, an dem man merkt, das lässt sich so nicht erhalten. Man kann immer nur hoffen, ein gutes Umfeld zu haben, das einem einen Spiegel vorhält und das mitbekommt, dass man in einer ausweglosen Situation ist.

Ihre Figur ist, zeitweise, alleinerziehender Vater. Wie haben Sie sich da vorbereitet?

Ich war damals zwischen Filmprojekten und bin dazugekommen, weil ein anderer Schauspieler ausgefallen ist. Wahnsinnig viel Vorbereitungszeit gab es da dann nicht. Ich denke, das Wichtigste war, zu verstehen, in welchem Stil man das spielen soll, was das Buch und die Geschichte von einem verlangen. Das ging mit Regisseurin Nancy Camaldo sehr gut, weil die ganz klar wusste, was sie will und was sie nicht will. Es war keine Rolle, die besonders viel Vorbereitung gebraucht hat.

Und mit kleinen Kindern können Sie offensichtlich gut umgehen …

Das kann man nicht mir zurechnen, das war echt dieses Baby. Das war echt ein Wahnsinn, sowas habe ich noch nicht erlebt. Normalerweise heißt es ja tatsächlich immer, niemals mit Tieren oder mit Babys drehen. Aber aus irgendeinem Grund hat die Nancy aus beidem Profit schlagen können und das richtige Baby und die richtigen Tiere ausgewählt. Dieses Kind hat man jedem X-Beliebigen am Set geben können und es war einfach glücklich und zufrieden, solange es sein Nickerchen und Essen bekommen hat. Das war echt das Beste, was uns passieren hat können. Sollte es mit dem Max Ophüls Preis wirklich was werden, dann ist das zu einem großen Stück sein Verdienst.

Das ganze Filmfestival Max Ophüls passiert ja heuer nur im Netz. Inwiefern hat denn die Corona-Pandemie Ihre Arbeit beeinflusst?

Das ging von Projekten, die verschoben wurden, bis zu Projekten, die komplett abgeblasen wurden. Das war, seit ich angefangen habe, definitiv das schwerste Jahr. Umso schöner ist es natürlich, dass dieses Festival stattfindet, weil man wieder ein bisschen in Kontakt mit anderen Leuten aus der Branche kommt. Das ist echt was wert. Weil wenn man in der Zwischenzeit beim AMS sitzt und die fragen einen, was man eigentlich die ganze Zeit macht und wie man sich vorstellt, seine Pension zu finanzieren, dann ist das natürlich frustrierend und man macht diesen Beruf eigentlich überhaupt nicht mehr.

Haben Sie schon Pläne für die nächste Zeit?

Es gibt ein paar Projekte, von denen ich noch nichts sagen darf. Demnächst kommt ein „Polizeiruf 110“ mit Dominik Graf, der in München gedreht wird, und danach ein steirischer Vampirfilm von David Lapuch. Das Projekt ist finanziert und es gibt einen Drehtermin. Er wird sehr lowbudget, aber wir hoffen, dass wir damit nächstes Jahr auf der Diagonale laufen können. David Lapuch, jedenfalls ein Regisseur, den man sich merken kann. Der hat vor ein paar Jahren einen Film um 13.000 Euro aufgestellt, der großartig geworden ist. Der kann mit sehr wenig Geld sehr viel machen.

Ich habe gelesen, dass Sie dem Theater gar nicht so abgeneigt sind. Sind die Pläne da schon konkreter geworden?

Absolut nicht! Manchmal kann das Filmen so ein festgefrorenes Radl sein, wo man als Schauspieler so herumgeschoben wird und sich streng einfügen muss. Dann wäre es natürlich einmal ein netter Kontrast, auf einer Bühne zu sein. Diese gestalterische Freiheit, die man da hat, das wäre schon sehr interessant. Aber wie gesagt, ich kann noch nicht wirklich sagen, wie meine nächsten Jahre aussehen. Das könnte es sich eventuell terminlich überhaupt nicht ausgehen, ans Theater zu gehen. Aber im Hinterkopf habe ich es.

Mit Schauspieler THOMAS SCHUBERT sprach Mariella Moshammer

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