„Ich wollte etwas zurückgeben“

Ein Arbeitsunfall hat das Leben von Fabian Lebelhuber auf den Kopf gestellt. Der gelernte Dachdecker hat sich aber mit Hilfe der Reha in einer AUVA-Einrichtung in Wien-Meidling, dem BBRZ Linz, der Schule für Sozialbetreuungsberufe in Gallneukirchen und der Berufs- und Sozialberatung der AUVA-Landesstelle Linz, ins Leben zurückgekämpft. Mit seinem heutigen Beruf als Behindertenbetreuer ist er mehr als glücklich.

Fabian Lebelhuber im September 2015 mit seiner Nachbarin Helene auf dem Kleinen Priel. © Privat

Von Michaela Ecklbauer

„Das Letzte, an das ich mich noch erinnern kann, war ein Kinobesuch am Tag vor meinem Arbeitsunfall“, erzählt Fabian Lebel- huber. Dann fehlen ihm in seinem Gedächtnis vier Wochen. Es war der 8. Oktober 2012, der das Leben des damals 24-jährigen Dachdeckers in Sekundenbruchteilen grundlegend verändern sollte. Aus Erzählungen weiß der junge Vorchdorfer, dass das Dach auf der Baustelle in Lambach wegen des Morgentaus noch nass war, er beim Versuch ein Kabel nach unten zu lassen ausgerutscht und rund zwölf Meter in die Tiefe gefallen ist.

Bauarbeiter sahen den Sturz und eine im Haus wohnende Krankenschwester leistete sofort Erste Hilfe. Der junge Mann war zunächst noch ansprechbar und jammerte über Schmerzen im Ellbogen. Lebelhuber wurde mit der Rettung ins Klinikum Wels gebracht – ein Hubschrauber hätte nicht landen können – und in künstlichen Tiefschlaf versetzt. Neben dem zertrümmerten Ellbogen hatte er sich beim Sturz die linke große Zehe ausgerenkt und ein massives Schädel-Hirn-Trauma zugezogen. Ihm musste eine Hirndrucksonde gelegt werden.

In vier Wochen zehn Kilo an Muskelmasse verloren

Als der Dachdecker nach vier Wochen aus dem Tiefschlaf geholt wurde, fühlte er sich schmerzfrei und kräftig. Doch schon der erste kurze Ausflug aufs WC endete nach wenigen Schritten auf dem Boden, wo der Patient aber nicht in der Lage war, der Schwester zu läuten. Sicherheitshalber bekam er dann eine Überwachungsmatte, die sofort Alarm schlug, wenn er das Bett verließ. In den vier Wochen hatte der junge Mann zehn Kilo an Muskelmasse verloren und war körperlich doch nicht so fit, wie er geglaubt hatte. „Ich habe die Lage nicht so dramatisch empfunden. Ich habe ja praktisch alles verschlafen und mir tat nichts weh. Schlimm war der Unfall aber für meine Angehörigen“, schildert Lebelhuber im VOLKSBLATT-Gespräch.

Weil er zuvor sehr sportlich – Fußballspielen, Laufen und Wandern zählten zu seinen Freizeitaktivitäten – und noch sehr jung war, hat der Vorchdorfer die lebensgefährliche Hirnverletzung gut weggesteckt. Beim ersten Ausgang nach Hause stellte sich aber heraus, dass er Doppelbilder sieht. Das Problem, das nur beim Lesen auftritt, ist trotz zweier Operationen – 2015 und 2017 – mittlerweile zwar kleiner aber noch nicht ganz behoben. Auch körperlich war ihm anfangs alles rasch zu anstrengend.

Anfang Dezember 2012 ging es zur Reha in die AUVA-Einrichtung in Wien-Meidling, die auf Hirnverletzungen spezialisiert ist. Zu Weihnachten war Lebelhuber zwei Wochen zu Hause. Aus geplanten acht Wochen Reha wurden schließlich drei Monate. „Als mir der Arzt gesagt hat, dass ich nach Hause darf, habe ich mich riesig gefreut, doch dann kam der Nachsatz: ,Und in zwei Monaten sehen wir uns wieder‘. Da war ich schon ein wenig down“, erzählt er: „Mittlerweile war ich fünf Mal auf Reha und bin froh, dass es diese Einrichtung gibt. Wenn sie mir wieder genehmigt wird, werde ich wieder fahren.“ Denn im Reha-Aufenthalt wurden u. a. Sprache, Hirnleistung und Merkfähigkeit trainiert. „Ich hatte Probleme Wörter zu finden und mir fielen auf Anhieb nicht mehr alle Namen meiner Verwandten und Freunde ein. Auch mit dem Kurzzeitgedächtnis hatte ich Schwierigkeiten“, gibt er Einblick in die erste Zeit nach dem Unfall. Mit Physio- und Ergotherapeuten wurden die körperliche Fitness und die Feinmotorik geübt. Zum Ausgleich gab es Mal- und Töpferkurse sowie Sportmöglichkeiten.

Traumberuf Dachdecker war aber vorbei

Erst nach und nach realisierte der junge Mann, dass er in seinen Traumberuf Dachdecker nicht mehr zurückkehren kann, ein Bürojob oder eine Arbeit in einer Fabrikshalle kamen für ihn nie in Frage. 2014 verbrachte der junge Mann auf Anraten eines AUVA-Betreuers ein halbes Jahr im Neuronetzwerk des Beruflichen Bildungs- und Rehabilitationszentrums (BBRZ) in Linz, wo viel zur Verbesserung der Hirnleistung gearbeitet wurde. „Für mich war rasch klar, dass ich etwas von der Hilfe, die ich nach meinem Unfall bekommen habe, zurückgeben möchte. Der Entschluss, Behindertenbetreuer zu werden, stand bald fest. Im Herbst 2015 wurde Lebelhuber in der Schule für Sozialbetreuungsberufe in Gallneukirchen aufgenommen, drei harte Jahre Ausbildung kamen auf ihn zu.

„Ich habe auch vor meinem Unfall nicht so gerne die Schulbank gedrückt und bin daher in eine Lehre gegangen, aber ich wollte das durchziehen. Auch wenn ich dreimal solange gebraucht habe als früher, um mir Dinge zu merken.“ Sein unbändiger Wille war es auch, der ihn Schwierigkeiten überwinden ließ, die der Lernstoff parat hatte.

Heute arbeitet der 30-Jährige in einer Lebenshilfe-Tagesheimstätte in Pettenbach und betreut mit zwei Kollegen sechs Klienten mit intellektueller Beeinträchtigung. „Wir unterstützen sie beim Essen oder geben ihnen das Essen ein. Wir sind aber auch für ihre Körperpflege zuständig“, erzählt er.

Die Reha hat aber auch privat sein Leben verändert, denn Fabian Lebelhuber hat in Wien-Meidling seine Christina (23) kennengelernt, die sich dort nach einem schweren Autounfall in den Alltag zurückkämpfte. Im Vorjahr wurde geheiratet, zum Lebenstraum zählen auch Kinder und eine weitere Reise nach Australien. Heuer will der junge Ehemann nicht nur mit einem Lebenshilfe-Klienten beim „Wings for Life World Run“ gemeinsam mit einer Kollegin mitmachen, sondern auch die Salzkammergut Trophy mit dem Mountainbike bezwingen. Letztere hat er bereits 2013 gegen den Rat seiner Ärzte absolviert.

Unterstützung durch AUVA-Sozialberater

Einen wesentlichen Anteil daran, dass sich Fabian Lebelhuber wieder zurück ins Arbeitsleben gekämpft hat, hat auch seine AUVA-Sozialberaterin Regina Haidinger. Gemeinsam mit dem Klienten wird beraten, welche Wege nach dem Arbeitsunfall oder der Berufskrankheit möglich sind. In diesem Fall bot sich die spezielle Abtestung im Beruflichen Bildungs- und Rehabilitationszentrum (BBRZ) an, erläutert Haidinger. Ihre Aufgabe ist es, dann die nötigen Anträge z. B. für einen Reha-Aufenthalt zu stellen, oder den Klienten während der Berufsfindung und in diesem Fall auch im Laufe der schulischen Ausbildung zu begleiten.

Die Allgemeine Unfallversicherungsanstalt (AUVA) hat nicht nur die Sozialversicherung übernommen, sondern auch ein Übergangsgeld, das sich am vorherigen Verdienst und dem Familienstand orientiert, kam für die Mietkosten auf und hat das Schulgeld bezahlt. 2017 hat der Rehab-Ausschuss in Oberösterreich 168 Anträge bearbeitet, in 46 Fällen wurde der Verunfallte in der eigenen Firma auf einen neuen Arbeitsplatz angelernt oder bekam eine Schonarbeit bewilligt. Das heißt, er konnte die Arbeitszeit bei voller Entlohnung reduzieren. Die Firma erhält dabei einen finanziellen Ausgleich seitens der AUVA. 34 Prozent der Anträge betrafen eine Berufskrankheit, der Großteil Arbeitsunfälle.