Ideologie ersetzt Pragmatismus

Arte-Stream: Zwei sehenswerte Dokumentationen zu China und Taiwan

Eine Ladenbesitzerin in der chinesischen Stadt Gaobeidian: Zu Neujahr Poster des „Überragenden Führers“ Xi Jinping auf Augenhöhe mit Übervater Mao.
Eine Ladenbesitzerin in der chinesischen Stadt Gaobeidian: Zu Neujahr Poster des „Überragenden Führers“ Xi Jinping auf Augenhöhe mit Übervater Mao. © ARTE /Imagine China/Photononstop

Xi Jinping, Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas, ist mit einer Machtfülle ausgestattet wie vor ihm nur Mao Zedong. Xi selbst schanzte sich diese Macht zu, 2018 änderte er die Verfassung so, dass er als Präsident auf Lebenszeit regieren kann. Wer ist dieser Mann, bei dem die halbe Welt nicht weiß, ob sie vor ihm zittern soll?

Zwei regelrechte Traumatisierungen erfuhr der junge Xi. Sein Vater Xi Zhongxun, hoher Parteifunktionär unter Mao, wurde in den 1960ern während der sogenannten Kulturrevolution verhaftet und die Familie gedemütigt. Xi Jinpings Schwester nahm sich deshalb das Leben, er selbst stand vor der Wahl, seinen Vater zu verleugnen oder ständig um sein Leben fürchten zu müssen. Ein zweites Mal schwebte er in steter Lebensgefahr, als er als jugendlicher Intellektueller zur „Umerziehung“ aufs Land geschickt wurde.

Reagierte Xi mit Hass auf die KP? Regisseurin Sophie Lepault und Co-Autor Romain Franklin legen in der ausgezeichneten 93-minütigen Dokumentation „Die neue Welt des Xi Jinping“ den Schluss nahe, der „Überragende Führer“ (so sein Titel in der Heimat) habe aus Kindheit und Jugend – wie das in der westlichen Welt heißen würde – ein Stockholm-Syndrom davongetragen. Nicht Hass auf die Peiniger, sondern völlige Übereinstimmung mit ihnen. Bedingungslose Loyalität zur Partei, die Xi heute auch von ihren Mitgliedern einfordert.

Lepault/Franklin zeichnen Xis „autoritären Kapitalismus“ in den letzten Jahren nach, die Dokumentation ist ohne Zweifel als Warnung gemeint.

Nationalistische Ideologie statt Pragmatismus wie noch bei Xis Vorgängern. Strategische Großprojekte wie die neue Seidenstraße nach Europa (mit Verbündeten wie, erraten, Viktor Orban) und militärische Expansion im Pazifik, auf längere Sicht gegen die US-Dominanz gerichtet. Im Inneren die Errichtung einer digitalen Diktatur, das Zerquetschen der Demokratie in Hongkong. Massenhaft massive Menschenrechtsverletzungen in der Uiguren-Region Xinjiang, mindestens 300 Straflager (im Parteisprech „Krankenhäuser“) samt Zwangssterilisationen etc.

Junges Taiwan

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Zum Thema Taiwan sagt Xi: „Die Wiedervereinigung ist eine historische Aufgabe.“ Die ebenfalls sehenswerte 53-minütige Dokumentation „Taiwan – Demokratielabor im Schatten Chinas“ von Alain Lewkowicz beleuchtet das hierzulande wenig bekannte Land, das Peking stets nur als abtrünnige Provinz betrachtet hat. Eine junge Demokratie mit engagierter Jugend, die auf Internet und Transparenz setzt gegen den politischen, ökonomischen und militärischen Würgegriff des riesigen Nachbarn.

  • Im Stream: arte.tv/de: „Die neue Welt des Xi Jinping“ bis 10. 8., „Taiwan – Demokratielabor im Schatten Chinas“ bis 10. 9.                      Von Christian Pichler

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