Im Blaumann durch die Geschichte

Dokumentartheater „Mythos Voest“ feiert in Linz seine Uraufführung

Schicht für Schicht stehen die Arbeiter hinter ihrer Voest — auch auf der Bühne des Landestheaters.
Schicht für Schicht stehen die Arbeiter hinter ihrer Voest — auch auf der Bühne des Landestheaters. © Norbert Artner

Von Mariella Moshammer

Die Heilige Barbara ist die Schutzheilige der Gießer, der Schmiede, Bergleute … konnte der aufmerksame Zuhörer dem Stück „Mythos Voest“ entnehmen. Auch, dass beim Abstich das Roheisen 1500 Grad Celsius hat. Uraufführung feierte das Dokumentartheaterprojekt am Freitagabend in den Kammerspielen des Landestheaters in Linz. Es könnte auch die Heilige Barbara sein, oder die Mutter Gottes, die zur wichtigsten Figur des Abends wird. Sie verkörpert in Alufolie gekleidet den Voest-Geist. Überdimensional, aber wenig strahlend, ein Insider-Held.

Ein Stück österreichische, explizit oberösterreichische Geschichte verpackt in ein Theaterstück versprach das Team Regine Dura (Konzept und Text) und Hans-Werner Kroesinger (Regie) und genau das liefert es ab. Mit dem Jahr 1938, Hermann Göring und den nach ihm benannten Werken startet das Projekt, davor musste reiner Tisch gemacht werden, das hieß, drei Dörfer wegzuradieren, den Menschen ihre Häuser, ihre Heimat zu nehmen. Es entstanden in dem neuen Werk nicht nur Arbeitsplätze sondern auch Kriegsmaterial. In den ersten Jahren noch für den Zweiten Weltkrieg, in den 80ern für den Irak, Stichwort Noricum-Skandal. Das war lange nach dem Wirtschaftswunder-Aufstieg, dem Neustart, dem Vorzeigeunternehmen, dem Zusammenhalt, Glück auf!

Von Falcos Mutter bis „Du voest mir ..“

Wie bereits vor zwei Jahren bei dem Stück über den Swap arbeiteten sich die Theatermacher merklich durch Unmengen von Material, so ergiebig wie 2017 war es nicht. Es liegt wohl daran, dass der Swap an sich eine Ungeheuerlichkeit war, an Skurrilität kaum zu überbieten. Die Geschichte der Voest hat ihre Höhen, ihre Tiefen — als dramatischer Stoff eignet sie sich bedingt. Die theatrale Umsetzung punktet in der musikalischen Interpretation. Man wünscht sich mehr skurrile Momente wie bei Falcos „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“, der geheimen Hymne der Voest.

Keine Wünsche offen lässt das Ensemble. Gunda Schanderer, Angela Waidmann, Jenny Weichert, Sebastian Hufschmidt und Benedikt Steiner werken im Blaumann auf der Stahlrohr-Bühne von Rob Moonen wie es sich für echte Voestler gehört. Dazwischen wird immer wieder aufgeräumt, es muss ja nicht permanent der Dreck der Vergangenheit herumliegen. Es wird gesungen, getanzt, es werden hochemotionale bis staubtrockene Texte gegeben und alles bravourös.

Es sollte eine leichte, musikalische Erzählung werden. Das gelingt mit den von Nebojsa Krulanovic arrangierten Liedern recht gut, dazwischen hat das Stück mitunter Mühe, immer wieder Fahrt aufzunehmen. Stark jene Momente, die die menschlichen Schicksale in den Mittelpunkt stellen — bis zur drohenden Automatisierung. Häufig kommen die Arbeiter zu Wort, hauchen dem Dokustück Leben ein. Am Ende: Industrie 4.0, die Marketingtexte versprechen nicht weniger Arbeiter, nur andere Berufsbezeichnungen. Da widerspricht sogar der Chef. Behält die Heilige Barbara ihren Job? Am Schluss bekommt der Voest-Geist eine neue Hülle, seinen Werksausweis hat er aber abgegeben. Er steigt in den 25er und verlässt das Gelände. „Du voest mir …“.

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