„Im Film ist keine einzige Maske zu sehen“

Von Linz nach Australien: Von zwei „handelsüblichen“ Österreichern, die etwas Verrücktes wagten

Andreas Buciuman und Dominik Bochis auf der Reise ihres Lebens.
Andreas Buciuman und Dominik Bochis auf der Reise ihres Lebens. © Filmladen

Elf Monate, 18.000 Kilometer, 19 Länder, zwei Fahrräder — und am Ende 150 Stunden Filmmaterial. Am 1. April 2017 machten sich die beiden Hobbyradfahrer Andreas Buciuman und Dominik Bochis von Linz aus auf Richtung Australien. Jetzt kommt ihr Film „Austria2Australia“ über diese Wahnsinnsreise ins Kino.

VOLKSBLATT: Bereits am ersten Tag der Reise fallen die Worte „sonst drehen wir um …“. Wann gab es diesen Gedanken wirklich?

BOCHIS: Am ersten Tag haben wir das natürlich nur zum Spaß gesagt, weil es eine lustige Vorstellung war, den ganzen Weg von Österreich nach Australien nur Regen zu haben.

BUCIUMAN: Eigentlich haben wir nie ernsthaft daran gedacht, umzudrehen. Dazu waren wir viel zu sturköpfig. Wir hätten es uns nie verziehen, wenn wir diese einzigartige Reise abgebrochen hätten. Natürlich gab es mal härtere Zeiten und viele davon sind im Film zu sehen, aber es war immer klar, dass wir weitermachen.

Musste das sein — bei Regen in Linz wegzufahren?

BOCHIS: Wir hatten einen strikten Zeitplan, da wir visumbedingt genau am 19. Mai an der russischen Grenze stehen mussten. Insofern konnten wir es uns nicht leisten, „einfach so“ einen Tag abzuwarten und deshalb, ja, musste die Regenfahrt am Tag der Abfahrt, am 1. April 2017, sein. Wir haben auch Schlimmeres erlebt: In Polen sind wir etwa eine ganze Woche bei Starkregen, eisigem Wind und 0 Grad Celsius durchgefahren.

BUCIUMAN: Wenn wir Angst vor Regen gehabt hätten, wäre es besser gewesen, daheim zu bleiben. Zu Beginn waren wir definitiv nicht regenfest und haben es gehasst, aber mit der Zeit haben wir uns mehr und mehr daran gewöhnt.

Woher kam die Idee für die Reise?

BOCHIS: Unabhängig voneinander wollten wir beide eine gewisse Zeit lang aus unserem Alltag in Österreich ausbrechen. Zu der Zeit haben wir einen Film gesehen von deutschen Zwillingen, die mit dem Fahrrad von Berlin nach Shanghai gefahren sind. Die dargestellte Freiheit und all die unterschiedlichen Länder, Kulturen und Menschen haben uns gepackt — so dass wir von einer eigenen Fahrradreise um die Welt geträumt haben. In unserem bald erscheinenden Buch gehen wir auf die Ideenfindung genauer ein. Für viele Menschen wäre es wohl bloß ein „blöder“ Traum geblieben.

BUCIUMAN: Wir wollten es probieren, obwohl wir noch nie eine Kamera in der Hand hatten und auch noch nie vor der Kamera gestanden sind. Es hat sehr viel Überwindung gekostet und war wirklich nicht leicht, umso stolzer macht es uns, dass der Film nun Premiere feiert.

War das Filmen eine zusätzliche Schwierigkeit, oder ist das neben den anderen Strapazen untergegangen?

BUCIUMAN: Man muss sich vorstellen, wie unser Tagesablauf aussah: in der Früh aufstehen, Zelt zusammenpacken, Kilometer machen, hoffen, dass man irgendwo Essen und Trinken findet, erschöpft das Zelt aufbauen und schlafen. Da noch Zeit und vor allem Lust zu finden, die Kamera hervorzuholen, war nicht immer einfach. Trotzdem ist es uns gelungen, die Schlüsselmomente der Reise einzufangen. So zum Beispiel, als uns in Pakistan Männer mit langen Gewändern und Kalaschnikows aufgehalten haben und uns nicht weiterfahren ließen. Wie diese Geschichte ausging, verraten wir an dieser Stelle nicht — da müssen die Leser sich den Film schon selber ansehen.

Sind Sie beide grundsätzlich Abenteurer?

BOCHIS: Definitiv nicht. Wir sind die „handelsüblichsten“ Österreicher, die man überhaupt nur finden könnte: keine Sportler, keine Reiseerfahrung, keine Fahrraderfahrung. Das hat uns aber nicht davon abgehalten, zumindest einmal im Leben etwas komplett Verrücktes zu wagen.

Warum fiel es so schwer, in einer unglaublich anstrengenden Situation für ein paar Kilometer mit einem LKW mitzufahren?

BOCHIS: Weil unsere Reise von Anfang an eine unumstößliche Regel hatte: Niemals, unter absolut keinen Umständen, werden wir auch nur einen einzigen Meter überspringen. Wir wollten jeden einzelnen Meter mit dem Fahrrad fahren — ohne Kompromisse.

Wie viele Vorurteile blieben während der elf Monate auf der Strecke?

BOCHIS: Viele Menschen haben uns vor Pakistan gewarnt. Man assoziiert es mit Terrorbildern aus den Nachrichten. Ehrlich gesagt wussten wir selber nicht, was uns dort erwarten würde. Wir haben zu keinem Land auf dieser Reise recherchiert. Wir wollten die Dinge einfach auf uns zukommen lassen und eigene Erfahrungen machen. Wir haben aber auf jeden Fall nicht damit gerechnet, was wir schlussendlich vorgefunden haben: unglaubliche Gastfreundschaft der Zivilbevölkerung, gebildete Menschen. Es war das erste Mal, dass wir flächendeckend Englisch reden konnten, und eine unglaubliche Berglandschaft.

BUCIUMAN: Wir glauben übrigens auch, dass wir für unseren Teil Österreich ganz gut repräsentiert haben. Für viele Einheimische war es das erste Mal, dass sie Österreicher oder allgemein Menschen aus dem Westen persönlich zu Gesicht bekommen haben. Da sind die oberflächlichen Vorurteile auf beiden Seiten schnell verschwunden.

Was war der Auslöser für die „Trennung“ in Australien?

BOCHIS: Die Anstrengungen der letzten Monate haben sich immer mehr aufgebaut und aufgestaut. Wir sind immer reisemüder geworden. Wir konnten die immer neuen Länder, Kulturen und Erfahrungen irgendwann schon gar nicht mehr wertschätzen, sondern wollten die Reise einfach nur hinter uns bringen. Im Speziellen nach der anstrengenden Zeit in Indien. Dann braucht es wirklich keinen größeren Auslöser als eine wochenlange Fliegenplage.

Könnte Filmemachen eine Option für die Zukunft sein?

BUCIUMAN: Wir denken, dass sowohl diese Art der Reise als auch der Film und das Buch einmalig sind. Die Gegenfrage lautet: Welche Reise könnte man unternehmen, die unsere Fahrradweltreise toppen könnte? Ich glaube, da gibt es nicht viel …

BOCHIS: Ansonsten haben wir derzeit beide wieder „normale“ Jobs in der IT-Branche und sind ganz glücklich darüber.

Nach so einem Trip — kann man sich da noch einen All-Inclusive-Urlaub vorstellen?

BUCIUMAN: Tatsächlich kommen wir beide gerade von einem All-Inclusive-Urlaub zurück und überraschenderweise lautet die Antwort: ja, das funktioniert! Mehr noch: Man lernt einen All-Inclusiv-Urlaub erst dann so richtig wertschätzen, wenn man mal elf Monate lang No-Inclusive gelebt hat.

Der Film ist vor Corona entstanden — wie ging es Ihnen nach soviel Freiheit im Lockdown?

BUCIUMAN: Wir sind im März 2018 nach Österreich zurückgekehrt und haben uns zwei Jahre lang wieder im normalen Leben eingelebt. Deshalb erleben und empfinden wir den Lockdown und die Coronazeit genau gleich wie alle anderen, würden wir sagen. Nur ab und zu, wenn wir uns selber den Film oder Fotos von der Reise anschauen, bemerken wir den starken Kontrast von unserem Reiseleben zur aktuellen Corona-Situation.

BOCHIS: Falls jemand starke Reiselust empfindet, aber sie aufgrund der aktuellen Situation nicht ausleben kann, dem empfehlen wir einen Besuch im Kino und unseren Film: ein authentischer Reisebericht von zwei normalen Burschen durch einige der ungewöhnlichsten und spektakulärsten Länder dieser Welt. Und eines versprechen wir: Im gesamten Film ist keine einzige Maske zu sehen.

Mit ANDREAS BUCIUMAN und DOMINIK BOCHIS sprach Mariella Moshammer

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