Im Reich des Edelmenschen

Online: Linzer Theater Phönix spielt „Winnetou eins bis drei“

Aus der Bühnenaction im Linzer Theater Phönix wurde ein „Film“.
Aus der Bühnenaction im Linzer Theater Phönix wurde ein „Film“. © Helmut Walter

Gut, Winnetou tot, aber wer war damals wirklich die arme Sau? Der hoffungsvolle Jungschauspieler Rik Battaglia, dem im realen Leben jahrelang nur Verachtung entgegenschlug, weil er im Film den schönen Pierre Brice abgeknallt hatte. Die blumigen Worte zum Sterben Winnetous begleiten auch das Begräbnis seines literarischen Schöpfers, das am Beginn dieser dunklen Komödie steht: „Es ging ein konvulsivisches Zittern durch seinen Körper.“

Das Linzer Theater Phönix spielt „Winnetou eins bis drei und am Ende stirbt Karl May“, Premiere war am Freitag. Aus bekannten Gründen verlegte das Phönix das 90-minütige Stück von Erik Etschel und Lisa Fuchs in den virtuellen Raum und überführt die Bühnenaction mit technischen und handwerklichen Geschick in einen „Film“. Das Experiment überaus geglückt, schlau und durchdacht.

Auf der Bühne Playmobil-Indianer und eine Modelleisenbahn, Kameraschwenk auf einen Strohballen, den der Präriewind über die verwaisten Sitzreihen weht. Auftritt Santer und seine Halunken, die das „Greenhorn“ Old Shatterhand schwerst unterschätzen. „Zack! Peng! Boing!“ die Regieanweisung, Doris Jungbauer hat saftige Prügeleien choreografiert.

Vertrauen eh lieb, aber Misstrauen naheliegend

Santer schießt den weisen Klekih-petra (Anna Maria Eder) über den Haufen, Winnetou schlägt Old Shatterhands Freundschaft noch aus. Vertrauen eh lieb, aber Misstrauen naheliegend.

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Winnetou Teil 1 bis 3 im Schnelldurchlauf in einer knappen Stunde, rasant, witzig und liebevoll. Danach Zerpflücken von Idealen, Mythen und Lügen. Die Filmcrew bei der Berlinale, ein Fest der Eitelkeit.

Filmemacher Harald Reinl ergötzt sich unanständig an der jungen Karin Dor („Mochn S’ d’Augn einfach zu und denken S’ an Hollywood“). Der erfolgstrunkene Lex Barker vulgo Old Shatterhand weist in eine Zukunft mit neoliberalem Credo: Werde zum Traum deiner selbst, Entertainment ist Reality!

Der (reale) Theaterregisseur Erik Etschel dirigiert ein hinreißendes Ensemble. Nadine Breitfuß sprüht als Karin Dor und lästert als kritisches Pferd, das Kant zitiert. Sven Sorring ein jovial-paternalistischer Filmemacher, David Fuchs schwelgt in Anverwandlungen von Santer, Mario Girotti (Terence Hill!) oder Klaus Kinski. Wiltrud Schreiner kraftvoll komödiantisch, doch macht sie den Zwiespalt sichtbar, der Karl May von seinem gnadenlos überhöhten Spiegel Old Shatterhand trennt. Martin Brunnemann als Pierre Price: kaputter Hipster mit jämmerlichem Dutt, dessen Leben auf die Rolle des edlen Häuptlings der Apachen festgezurrt ist.

Karl May hat ein Monster erschaffen, das sich am Ende bitter rächt.

Die Show geht weiter, als Marketingquatsch für Esoteriker funktioniert Winnetou noch immer blendend. Empor ins Reich des Edelmenschen, das Zuschauen macht Riesenspaß.

Von Christian Pichler

Streaming-on-Demand bis 21. März, theater-phoenix.at

 

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