Im Zeichen des Ersten Weltkrieges

„Die Csardasfürstin“ als Geschichtsaufarbeitung in Langenlois

„De Csardasfürstin“ thematisiert die Zeit vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges.
„De Csardasfürstin“ thematisiert die Zeit vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. © Kurt-Michael Westermann

Von Ingo Rickl

Die 1915 im Wiener Johann-Strauß-Theater uraufgeführte Emmerich-Kálmán-Operette „Die Csardasfürstin“ ist nicht nur eines der melodienreichsten Werke des Genres, sie besitzt auch eines der gescheitesten Textbücher, was zwischenmenschliche Beziehungen anbelangt, und treffsichere Pointen. Die Librettisten Leo Stein und Béla Jenbach verlegten die Handlung auf die Zeit vor der Kriegserklärung des Kaisers Franz Joseph im Juli 1914. Am Donnerstag feierte „Die Csardasfürstin“ bei den Schlossfestspielen Langenlois Premiere.

Traumatisierte Kunstfiguren

Auf dem Theatergelände vor dem Schloss verschmelzen der Tribünenbereich sowie Bühne und Orchesterpodium nahezu miteinander. Andreas Stoehr, seit 2013 und heuer letztmalig Intendant der Schlossfestspiele, hebt den Taktstock, bricht nach wenigen Takten die Ouvertüre ab. Der Geschichtsunterricht von Regisseur Rudolf Frey beginnt. Neben den Darstellern tauchen elf vom Krieg gezeichnete Statisten auf: verwundet, beschädigt, abstoßend, drohend. Sie begleiten uns und die Darsteller, die, durch ihre Umgebung geschädigt, zu traumatisierten Kunstfiguren werden, durch den Abend. Das Bühnenbild von Niki Neuspiel und Eduard Neversal und die Kostüme von Aleksandra Kica unterstützen diese „Gegenpartie“ der eigentlichen Handlungsträger. Kálmáns musikalische Charakterisierung und viele Pointen bleiben konturlos, Heiterkeit und Menschlichkeit besitzen in dieser Version nur mangelhafte Durchschlagskraft.

Die Protagonisten stehen vor schwierigen Aufgaben, unter ihnen Boni, der als Melancholiker viele seiner Pointen nicht natürlich abschießen kann. Trotz der perfekten Darstellung durch Erwin Belakowitsch ist dieser Buffo ein Spätzünder in Sachen Humor. Franz Gürtelschmied als Edwin geht, wie von unsichtbaren Marionettenfäden gezogen, steif durch die Gegend. Trotz seiner tenoralen Schwüre glaubt man nicht wirklich an seine Liebe zu Varietésängerin Sylva. In die Rolle schlüpft Netta Or, die mit einem flexibel verwendeten Sopran gesegnet ist, jedoch zu dominant, weil verletzt, agiert. Ethel Merhaut erlebt als Stasi mit dem Boni wenig Freudvolles. Die Damen dominieren jedenfalls.

Der wunderbare Charakterschauspieler Johannes Terne geht als Fürst von und zu Lippert-Weylersheim bis zum Tode von Franz Joseph wie ein Traumtänzer durchs Geschehen. Seine Gattin Anhilte, die sich als ehemalige Varietékünstlerin „Kupferhilda“ entpuppt, wurde von der Regie mehr oder weniger vergessen. Nach ihrer Entlarvung durch Feri Bácsi hat Elke Hartmann ein hundsordinäres Satzgeflecht zu sprechen, anstatt einen hauch ihrer ehemaligen Ausstrahlung als Sängerin zu beweisen. Dafür darf sie mit Oberleutnant Rohnsdorf flirten, der in der Darstellung durch den Linzer Stefan Wunder wichtige historische Daten verlesen muss. Der einzige halbwegs intakte Mensch auf der Bühne ist Steven Scheschareg als Feri Bácsi. Mit profundem Bariton weist er in Richtung Oper, als Darsteller verströmt er menschliche Wärme.

In Richtung Oper tendiert auch Andreas Stoehr am Pult des Wiener Kammerorchesters, wobei seine Tempovorstellungen durchaus unkonventionell sind. Chor und Ballett gibt es nicht. Der Bewegungschor TSC Schwarz Gold ist mit Erfolg bemüht, den Schleier des Ersten Weltkrieges über die Handlung zu stülpen.

P.S.: Die Saison 2020 bringt unter der neuen Leitung von Christoph Wagner-Trenkwitz „Die Fledermaus“ von Johann Strauss.

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