Ex-Finanzminister Sunak will neuer britischer Premier werden

Ex-Finanzminister Sunak will künftig im Unterhaus das Sagen haben © APA/UK PARLIAMENT/JESSICA TAYLOR

Einen Tag nach dem Rückzug des britischen Premiers Boris Johnson hat mit Ex-Finanzminister Rishi Sunak das erste politische Schwergewicht seinen Hut in den Ring geworfen. „Jemand muss dem Augenblick gerecht werden und die richtigen Entscheidungen treffen. Deshalb will der nächste Chef der Konservativen und Premierminister werden“, sagte Sunak in einem Bewerbungsvideo am Freitag. Mit seinem Rücktritt am Dienstag hatte Sunak entscheidend zum Sturz Johnsons beigetragen.

Sunak hatte seinen Rücktritt unter anderem mit wirtschaftspolitischen Differenzen begründet. Sollte er gewählt werden, wäre der indischstämmige Politiker der erste nicht-weiße Premierminister in der Geschichte des Vereinigten Königreichs. Johnson hatte am Donnerstag seinen Rücktritt als Tory-Chef erklärt, will aber bis zur Wahl seines Nachfolgers Regierungschef bleiben.

„Lasst uns Vertrauen wiederherstellen, die Wirtschaft wieder aufbauen und das Land wieder zusammenbringen“, schrieb Sunak in einer Botschaft auf Twitter. Dazu postete er ein hochwertiges Video mit seiner Familiengeschichte. Sunak galt einst als aussichtsreichster Kandidat für die Johnson-Nachfolge. Er profitierte vor allem von der Popularität des sogenannten Furlough-Programms, einer der Kurzarbeit nachempfundenen Maßnahme, die während der Pandemie Millionen Menschen vor dem Jobverlust bewahrte. Sein Ansehen litt jedoch beträchtlich, als sich herausstellte, dass seine schwerreiche Ehefrau von einem legalen Steuersparmodell profitierte. Bei den Buchmachern rangierte er jüngst hinter Verteidigungsminister Ben Wallace, der im Ukraine-Krieg an Statur gewonnen hat. Wallace hält sich jedoch bisher bedeckt, was mögliche Ambitionen auf die Johnson-Nachfolge betrifft.

Vor Sunak hatten der Tory-Abgeordnete Tom Tugendhat und Generalstaatsanwältin Suella Braverman offiziell ihre Bewerbung für die Johnson-Nachfolge bekannt gegeben. Auch der Brexit-Verfechter Steve Baker bekundete Interesse.

Tugendhat, der Vorsitzende des einflussreichen Auswärtigen Ausschusses im Unterhaus, kündigte seine Bewerbung im „Daily Telegraph“ an. „Ich habe schon gedient – in den Streitkräften und jetzt im Parlament“, schrieb der 49-jährige ehemalige Armeeoffizier. Braverman brachte sich bereits am Mittwoch in Interviews für die Johnson-Nachfolge in Stellung. Die 42-jährige Brexit-Befürworterin ist in der Partei wegen ihrer Gegnerschaft zur EU beliebt.

Erwartet wird unter anderem, dass sich der am Dienstag zurückgetretene Gesundheitsminister Sajid Javid und Verkehrsminister Grant Shapps um Johnsons Nachfolge bewerben. Hoch gehandelt werden auch Außenministerin Liz Truss sowie der frühere Außenminister Jeremy Hunt. Vizepremier Dominic Raab hat ebenso abgewunken wie der langjährige Johnson-Vertraute Michael Gove.

Johnson war am Freitag weiter unter Druck, rasch als Premier abzutreten. Die Opposition drohte mit einem Misstrauensvotum, um seinen sofortigen Rücktritt zu erzwingen. Das Land könne den „erwiesenen Lügner“ Johnson nicht länger ertragen, so Labour-Vizechefin Angela Rayner. Es sei klar, dass Johnson das Vertrauen des Parlaments und der Bevölkerung verloren habe. Die Opposition wäre bei einem Misstrauensvotum allerdings auf die Unterstützung dutzender Tory-Abgeordneter angewiesen. Viele Tories fürchten aber, dass es dann letztlich Neuwahlen geben wird – und sie ihre Sitze verlieren.

Medienberichten zufolge will Johnson vor allem deshalb im Amt bleiben, weil er Ende Juli auf dem Landsitz Chequers seine Hochzeit feiern will. Dem trat aber sein Umfeld am Freitag entgegen. Johnson habe seine Pläne für eine Hochzeitsfeier am Landsitz Chequers aufgegeben, hieß es.

Johnson und seine Regierung waren in den vergangenen Monaten durch eine ganze Reihe von Skandalen massiv in Bedrängnis geraten. Neben einer Spendenaffäre wogen Skandale um Partys am Regierungssitz während des Corona-Lockdowns sowie um sexuelle Übergriffe von hochrangigen Tory-Politikern besonders schwer. Seit Dienstagabend waren aus Protest gegen Johnson fast 60 Minister und andere Regierungsvertreter zurückgetreten. Führende Tories wie etwa Ex-Premier John Major forderten einen sofortigen Rücktritt Johnsons auch als Premier. Bildungsminister James Cleverly erklärte jedoch, Johnson werde vorerst im Amt bleiben. „Es ist richtig, dass er ein Team zusammengestellt hat, das weiter regiert, während das Auswahlverfahren für seinen Nachfolger läuft“, sagte er dem Sender Sky News.

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