ImPulsTanz: Jan Lauwers blickt durch die Vagina auf die Welt

Jan Lauwers packt in Wien die Bühne mit Glas und Körpern voll © APA/ImPulsTanz/Maarten Vanden Abeele

Jetzt schlägt der ImPulsTanz zurück. Nachdem zuletzt die Wiener Festwochen dem Tanz frönten, gibt es nun beim Tanzfestival Theater – von Jan Lauwers, dem vielsprachigen Bühnenwesen, das bei den Salzburger Festspielen inszeniert, aber auch mit der Needcompany performativ unterwegs ist. Und „All the good“, das am Sonntag im Volkstheater Premiere feierte, ist alles – hypertrophes Weltpanorama, Familienstück, Außensicht auf Beziehungen und Innensicht einer Vagina. Aber kein Tanz.

Ausgangspunkt des Werks war für den 65-jährigen Belgier die Begegnung mit dem israelischen Ex-Soldaten Elik Niv, der sich nach einer Verletzung zum Tänzer gewandelt hat. Dessen Geschichte wird zur Reflexion über Gewalt und Krieg und wird dabei ebenso von Elik Niv selbst verkörpert wie sich die Lauwers-Familie selbst darstellt – respektive theatrale Versionen ihres Selbst. Jan Lauwers stellt in einem halbstündigen Prolog die Figuren des Abends vor, zu denen unter anderen seine Frau Grace, sein Sohn Victor und seine Tochter Romy gehören, während er sich selbst als Figur durch Benoît Gob vertreten lässt.

Man kennt die eigenen Geschichten, zugleich sind die eigenen Wahrheiten nicht jene der anderen. Und nicht jede Geschichte kann erzählt werden, wie etwa jene des Glasbläsers Mahmoud aus dem Westjordanland, der die 800 Glaskörper hergestellt hat, die Lauwers als maître de la scène eigentlich in ein bedeutendes Kunstwerk verwandeln möchte, die ihm aber doch beständig entgleiten und zerspringen. Mahmoud ist nur in der Erzählung präsent.

Theater im Theater von Menschen als Menschen. Die Künstlerfamilie im zu Unrecht berüchtigten Brüsseler Stadtteil Molenbeek inkorporiert Elik und doch bleibt es keineswegs bei dieser narrativen Stringenz. „All the good“ ist dank der auf der Bühne präsenten Musiker rund um Maarten Seghers Pandämonium und Familienstück, Performance- und Theaterabend. Wie die Sprachen wechseln auch die Geschichten, wie die Themen werden auch die Ausdrucksformen im steten Fluss durcheinandergewirbelt. Starke Frauen in der Kunstgeschichte, die moralische Fragen nach dem Töten, Sex als kreative Kraft, Liebe in Zeiten des Krieges oder die Seelenqual des Künstlers angesichts seines Werks – all das steht nebeneinander oder besser sprudelt wild durcheinander.

Am Ende dreht sich alles im Kreis respektive laufen die Akteure im Rund, bevor der Detailblick auf Rogier van der Weydens „Kreuzabnahme“ wieder den Umkehrschwung zur Kunstexegese nimmt. Damit spiegelt man den „Ursprung der Welt“, der sich nicht nur in Gustave Courbets berühmtem Gemälde, sondern ganz handfest auch auf dem Bildschirm findet, wenn sich eine Spionagekamera einführt und in ihrer Vagina einen Bilderkosmos findet. Gruppenbild in Dame gleichsam.

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„All the good“ von Jan Lauwers und der Needcompany im Rahmen des ImPulsTanz im Volkstheater, Arthur-Schnitzler-Platz 1, 1070 Wien. Text/Regie/Bühnenbild: Jan Lauwers, Musik: Maarten Seghers. Mit: Grace Ellen Barkey, Romy Louise Lauwers, Victor Lauwers, Jan Lauwers, Inge Van Bruystegem, Benoît Gob, Elik Niv, Jules Beckman, Simon Lenski, Maarten Seghers, George van Dam. Weitere Aufführung am 19. Juli. impulstanz.com

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