ImPulsTanz mit Bauschs heteronormativem „Vollmond“ gestartet

Zum Anbeißen: Pina Bauschs „Vollmond“ als ImPulsTanz-Auftakt 2022 © APA/ImPulsTanz/yako.one

„Vollmond“ ist ein spätes Stück der Tanzlegende Pina Bausch, drei Jahre vor ihrem Tod 2009 uraufgeführt. Und doch gehört die Arbeit heute dank Wim Wenders’ Film „Pina“, für den er zentral auf Szenen des Stückes zurückgriff, zu den bekanntesten Werken der Künstlerin. Mit der Erstaufführung des bildgewaltigen Liebesreigens startete am Donnerstagabend der Wiener ImPulsTanz monumental in seine heurige Ausgabe. Und erstaunlich antiquiert.

Das Tanztheater Wuppertal verwandelt die Bühne des Burgtheaters in eine abgeschattete, dunkle Spielfläche, auf der das alte Lied von der Anziehung und Abstoßung der Geschlechter intoniert wird. Die Archaik des Geschehens wird dabei durch einen gewaltigen Felsbrocken im Hintergrund unterstrichen. Um diesen Stein herum exerzieren zwölf Tanzende den Liebesreigen in all seinen Facetten. Respektive: Keineswegs.

Denn erstaunlich ist, wie anachronistisch das Bausch-Stück auf gesellschaftspolitischer Ebene nach 16 Jahren wirkt. Wie heteronormativ. Wie eindimensional. Die sechs Tänzerinnen sind mit Stöckelschuhen, langen Kleidern und ebensolchen Haaren als Diven gekennzeichnet, die sechs Herren tragen Hose und Hemd, wenn sie nicht oberkörperfrei sind.

Diese Darsteller und Darstellerinnen durchleben über gut zweieinhalb Stunden hinweg viele Dutzend Mikroszenen des Begehrens, Abstoßens, der Anziehung – und nicht einmal wird die Grenze der beiden Gruppen durchbrochen. Homoerotik hat hier ebenso wenig Raum wie ein Brechen der binären Geschlechterrollen. Das einzig Fluide auf der Bühne bleibt das Wasser.

Das hat dafür eine umso bedeutendere Rolle, spritzt in hohen Bögen und schafft ephemere Skulpturen, flüchtig wie die gewohnt episodischen Szenen in Bauschs Stück. Blitzschnelle Wechsel im Slapsticktempo einer Screwball-Comedy stehen kurzen Schlaglichtern auf die einzelne Performer gegenüber, begleitet von einer breit gefächerten Musik zwischen Tom Waits und dem Balanescu Quartett.

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Diese Antagonismen finden sich auch in der Choreografie selbst wieder. Die stützende Bewegung, die sich in ein Niederdrücken verwandelt, die liebevolle Geste, die sich in ein aggressives Bedrängen verkehrt, die selbstgenügsame Innerlichkeit, die in den ekstatischen Ausbruchsversuchs aus den Grenzen des eigenen Körpers übergleitet. Machtkämpfen in Miniaturformat, bei denen mit Anstupsen Hierarchien verhandelt werden, stehen zügellose Übergriffigkeit in die Sphäre des Anderen gegenüber.

So viel Kontrast und Konfrontation wird dabei wie stets bei Pina Bausch durch ein Augenzwinkern gemildert. Und immerhin hiermit ist „Vollmond“ auf der Höhe der Zeit.

„Vollmond“ im Rahmen des ImPulsTanz im Burgtheater, Universitätsring 2, 1010 Wien. Inszenierung/Choreografie: Pina Bausch, Bühne: Peter Pabst, Kostüme: Marion Cito. Mit Dean Biosca, Naomi Brito, Silvia Farias Heredia, Ditta Miranda Jasjfi, Alexander López Guerra, Nicholas Losada, Héléna Pikon, Azusa Seyama, Ekaterina Shushakova, Julie Anne Stanzak, Michael Strecker/Reginald Lefevbre und Christopher Tandy. Weitere Aufführungen am 8., 9. und 10. Juli. impulstanz.com

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