In der Tschickbude rauchen nun die Köpfe der Unternehmer

Linzer Tabakfabrik wird immer mehr zu Brutstätte für aufstrebende Firmen und zum internationalen Lehrbeispiel

Vom langjährigen Industriestandort zur neuen Hochburg der Kreativindustrie: Diese Metamorphose vollzog die Linzer Tabakfabrik recht zügig in den vergangenen Jahren. Insgesamt 341 Jahre lang wurde zuvor am Standort kräftig angepackt und produziert. Zuerst wurden Textilien, später Tabakwaren hergestellt. Ehe nach der Privatisierungswelle 2009 das endgültige Aus für die Zigarettenproduktion in der „Tschickbude“kam. Nun wird dort kreativ an Innovationen gefeilt.

Komplette Neugestaltung

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Mittlerweile ist in dem monumentalen, von Designer Peter Behrens erdachten, Bau der Geruch von Tabak weitestgehend verflogen, es weht ein frischer Wind durch die Gemäuer. Zahlreiche Firmen sind mittlerweile in das insgesamt rund 80.000 Quadratmeter Fläche bietende Areal eingezogen. Daneben arbeiten zahlreiche Baufirmen am Gelände an der kompletten Neugestaltung.

Geplanter Hotspot

Seit sechs Jahren leitet Direktor Chris Müller die Tabakfabrik, für ihn ging es nie um die Bedeutung der Immobilie „Tabakfabrik“, sondern um das, was darin entstehen könne. „Du brauchst die Immobilie, damit Hard- und Software zusammenkommen, damit Kreativität und Innovation entstehen“, erklärt er gegenüber dem VOLKSBLATT seine Philosophie. Dabei wird ein strenges wissenschaftliches Konzept verfolgt, um die ideale Mischung an Unternehmen anzusiedeln, damit sich die Ökologie in der Tabakfabrik Schritt für Schritt entwickelt. Ein eigener Ansiedlungskoordinator übernimmt die Planung, „es wird geschaut, was ist für die Gesamtheit in jedem Bereich das Beste“.

Lange Warteliste

Rund 150 Unternehmen sind derzeit in der Tabakfabrik angesiedelt, in etwa 1000 Mitarbeiter arbeiten am Areal. Zu den größten und bekanntesten Firmen zählen etwa die Werbeagentur Lunik2, das Investoren-Netzwerk Startup300, die Digitalagentur Netural oder die IT-Experten von Catalysts. Aufstrebende Unternehmen mit jeweils zwischen 30 und 90 Mitarbeitern. Die ideale Größe, um im Verbund aufzugehen. „Unternehmen mit 300 bis 400 Mitarbeitern widersprechen der Ansiedlungsstrategie, diese würden eher unter sich bleiben“, so Müller.

Die Interessenten für einen der begehrten Plätze in der Tabakfabrik stehen Schlange, 575 Unternehmen stehen derzeit auf der Warteliste. Derzeit erfolgt eine Ansiedlungswelle in der „Strada del Start-up“. Entlang einer 230 Meter langen Indoor-Promenade im Bauhaus-Stil entstehen flexibel mietbare Büro- und Werkstatträume für junge Unternehmen, insgesamt 57 Firmen werden dort Platz finden. Die ersten konnten bereits in den vergangenen Wochen einziehen.

Internationales Interesse

Die Tabakfabrik wird damit auch international immer mehr zum Vorzeigeobjekt. Partnerschaften mit San Jose (mit San Francisco Heimat des Silicon Valley), dem Shimon Peres Center in Tel Aviv oder der an der neuen revitalisierten Seidenstraße gelegenen chinesischen Stadt Chengdu zeugen von globaler Reputation. Man setzt auf internationale Vernetzung, das globale Interesse ist groß. Diese Entwicklung soll künftig auch universitär ihren Niederschlag finden. Ein erster Coup in diese Richtung gelang der Tabakfabrik erst vergangene Woche. Reinhard Prügl, Inhaber des Lehrstuhls für Innovation, Technologie & Entrepreneurship an der Zeppelin Universität Friedrichshafen, war zu Besuch – und er verlies Linz mit höchst renommeebehafteten Plänen. Bereits ab Ende September wird das Modell der Tabakfabrik zum Unterrichtsgegenstand an der Uni. In einem Lehrgang im Rahmen des Studiengangs „Corporate Management & Economics“ wird am Beispiel der Tabakfabrik erforscht und verdeutlicht wie Innovations-Ökosysteme funktionieren, wie kreative Prozesse in Gang kommen. „Es geht darum, das System der Tabakfabrik zu verstehen, um es dann woanders anzuwenden und zu adaptieren“, so Müller.

Triebfeder Innovation

Dass man mit dem Fokus auf die Kreativwirtschaft und junge Unternehmen auf das richtige Pferd gesetzt hat, beweisen auch die nackten Zahlen. Von 2008 bis 2015 sind die Umsätze der Kreativwirtschaftsunternehmen mit einem Wachstum von 15 Prozent stärker gestiegen als jene der Gesamtwirtschaft (+6 Prozent). Mittlerweile zählt in Österreich jedes zehnte Unternehmen zur Kreativwirtschaft. Chris Müller sieht in diesem Bereich auch noch viel Potenzial. „Innovation wird künftig der Grundstoff einer Gesellschaft sein. Die Tabakfabrik ist eine urbane Mine, in der man den Rohstoff Kreativität abbauen wird können“, hat der Direktor mit der Tschickbude noch Großes vor.